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Zu Besuch in … St James, London

(Bild: Nick Harvey for Heart of London Business Alliance)

Ein kleines, großes Stadtviertel mit jeder Menge „Tastemakern“ – Kurz und knapp hatte man mir einen Namen genannt, genau genommen einen Straßennamen. Jermyn Street, unweit vom Picadilly Circus, inmitten von St James. So lautete das Codewort für einen London-Ausflug der etwas anderen Art. Ab in den Flieger und rein in die Metropole. Hier, im Halbschatten der gleichnamigen Picadilly Street stehe ich nun und warte auf meinen Guide. Das vornehme „J-E-R-M-Y-N“ kommt mir wieder und wieder über die Lippen, Dauerschleife. Klingt schön schwungvoll und irgendwo auch ein wenig wie „G-E-R-M-A-N-Y“ – was jedoch keinesfalls auf einen ausgeprägten Nationalpatriotismus meinerseits hindeuten soll. Ich beobachte das morgendliche Treiben, Geschäftsmann trifft Portier, Chauffeur den Käseverkäufer. Rollos rattern und die ersten Läden werden aufgeschlossen, jede Menge Hemden-, Hut- und Schuhhersteller sind hier in St James angesiedelt. Wobei, wo wir schon beim Klang schöner Namen sind: Die ungelenke Umschreibung Hersteller ersetzen wir an dieser Stelle lieber schnell durch Schneider, ersteres klingt dann doch zu sehr nach Massenware à la benachbarte Regent Street.

Denn „von der Stange“ ordert man hier in den seltensten Fällen und so verwundert es auch kaum, dass unser Treffpunkt für die heutige Führung, Hausnummer 83, eine kleine, feine Schuhmacherei ist: Foster & Son, hi there! Wohlgemerkt die älteste Maßschuhmacherei in Großbritannien, aufs hi folgt eine ehrfürchtige Verbeugung. Der Name ist Programm und kaum bin ich eingetreten, werde ich subito in den Bann des Handwerks gezogen. Seit 1840 werden hochwertige Schuhe und (Reit-)Stiefel nach Maß angefertigt – British craftsmanship as its best. Hier drinnen steigt einem der Duft von Bienenwachs und Lederfett in die Nase, ich schaue mich um. Neugierige Blicke meinerseits, Fotos schießen und Hände schütteln. Keine fünf Minuten später werde ich nach oben in die Werkstatt geleitet, vorbei an Hunderten Leisten mitsamt Namen und Zahlencode. Der schmale Treppenaufgang sieht verdächtig nach Kunstinstallation aus. Ai Weiwei, bist du es oder doch eher Richard Long? Ich mache natürlich Quatsch und doch: Tief beeindruckt aufgrund der geschichtsträchtigen Ansammlung von Vorlagen und Werkzeug, bekomme ich keinen Mucks heraus. Ich stampfe die Stufen hinauf, begutachte die kunstgleiche Leistenansammlung und komme staunend im Obergeschoss an.
Foster & son 2
Bild: Nick Harvey for Heart of London Business Alliance

Prompt stehe ich vor der Urkunde des britischen Königshauses, unterschrieben von King George V. – wird hier geklotzt und nicht gekleckert? Zumindest nehme ich das an, als ich sehe, dass das Königshaus zum Kundenstamm der alteingesessenen Schuhmacherei gehört! Neben der Urkunde steht plötzlich Emiko Matsuda, Senior Schuhmacherin im Hause Foster & Son. Sie stellt sich als heutige Gast- und Interviewpartnerin, ich mich als rasender Reporter mit german accent vor. Sie, elfengleich und unheimlich höflich, führt mich zu ihrem Arbeitsplatz und beginnt zu erzählen. Schon nach wenigen Minuten wird mir klar, dass der Klecker-Klotz-Vergleich etwas vorschnell aus der Pistole geschossen kam. Absolute Diskretion herrscht gerade bei dem Thema Kundenstamm und auch sonst hat es die sympathische Japanerin nicht nötig, werbetaugliches Name-Dropping zu betreiben. Sie berichtet von ihrem Werdegang, dem Fertigungsprozess eines jeden Schuhpaares und gewährt mir Einblick in die prallgefüllten Auftragsbücher.
Emiko Matsuda 4
Bild: Nick Harvey for Heart of London Business Alliance

So finde ich beispielsweise heraus, dass man als Kunde von Foster & Son mehrere Monate warten muss, bevor man vom ersten Maßnehmen den fertigen, ganz persönlichen Schuh in den Händen oder eben am Fuß halten kann. Ich hole mein Notizbuch heraus, schlage den vorbereiteten Fragenkatalog auf und lege ohne großes Umschweifen mit dem Verhör los…

Emiko, wo und wann hast Du mit Deiner Arbeit als Schuhmacherin begonnen?
Ich habe am Londoner Cordwainers College Schuhdesign studiert und dort die wichtigsten Basics mitgenommen, die man zur Fertigung von Schuhen benötigt. In der Zeit habe ich jede Menge neue Dinge kennenlernen dürfen und mir das nötige Knowhow angeeignet. Mitunter wurden dort auch Kurse über das klassische Schuhmacherhandwerk angeboten – ich war damals ziemlich fasziniert und hatte das Glück, Terry Moore, einem der besten Schuhmacher der Welt, hier in der Jermyn Street kennenlernen zu dürfen. So kam ich zum ersten Mal zu Foster & Son und wurde dort in die Kunst des Maßanfertigung eingeführt. Mir wurde eine Lehre angeboten und so habe ich von der Pike auf gelernt, wie man in einer Maßschuhmacherei arbeitet.

Hört sich spannend an! Woher stammt Deine Leidenschaft für Schuhe?
Ich bin in Japan geboren und aufgewachsen, bevor ich nach England gekommen bin. Damals habe ich selten passendes Schuhwerk finden können, weil ich für eine Japanerin verhältnismäßig große Füße habe. Es war also immer schwer für mich, Schuhe zu finden und wenn mir ein Modell besonders gut gefallen hatte, gab es selten ein Paar in meiner Größe. Das war mit der Auslöser, warum ich mich schon in jungem Alter mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Mit der Zeit wurde der Wunsch immer stärker, meine eigenen Schuhe entwerfen und fertigen zu können. Irgendwann bin ich dann nach London gezogen, um am Cordwainers College anzufangen.

Stichwort Entwerfen: Der größte Unterschied zwischen Maßschuhanfertigungen und Schuhtrends aus dem Modebereich?
Alleine die Fertigungsweise ist bereits total verschieden: Einen „Trendschuh“ trägt man meist nur für einen bestimmten Zeitraum, bevor er durch ein neues Modell ersetzt wird. Die Schuhe werden viel, viel schneller und damit auch weniger aufwändig gefertigt – die saisonalen Abläufe erlauben selten Anfertigung, die mehrere Monate dauern. Der maßgefertigte Schuh indes ist eine Investition, man trägt ihn meist für eine längeren Zeitraum und die Fertigung ist mit Wartezeit verbunden.
Foster & son
Bild: Nick Harvey for Heart of London Business Alliance

Wie lange muss ich warten, bis ich ein Paar Maßschuhe von Foster & Son mein Eigen nennen darf?
Das hängt immer von dem Modell und den Zeiträumen zwischen den Ausmessungen und Anproben ab. Normalerweise kann es bis zu acht Monate dauern, bis man den Schuh tragen kann. Um noch einmal kurz auf die Unterschiede zwischen Schuhtrends und Maßschuhanfertigungen zu sprechen zu kommen: Oftmals lässt sich die schnelllebige, trendorientierte Schuhbranche vom klassischen Handwerk und den jeweiligen Modellausführungen inspirieren.

Hast Du ein Lieblingsmodell?
Ich mag Oxfordmodelle besonders gerne. Mir gefällt die elegante Form sehr gut!

Fertigst Du auch Schuhe für dich an?
Ja, klar. Hin und wieder gibt es auch Schuhe für mich oder meine Familie.

Erzähle mir etwas über Euren Kunden!
Bei uns gibt es jede Menge Stammkunden, die ihrem ganz eigenen Stil verfolgen und echte Experten sind. Sie wissen meist genau, welche Form und Farbe ihnen am besten steht. Mit ihnen ist es meist unheimlich spannend, zusammen arbeiten zu können. Zum Teil experimentieren sie auch gerne und setzen sich demnach öfters mit einem zusammen. Man arbeitet somit nicht alleine, sondern gemeinsam an den Schuhen – das ist mit jeder Menge Spaß verbunden!

Die bisher verrückteste Anfrage?
Wir hatten natürlich schon jede Menge außergewöhnliche Aufträge, lass mich kurz überlegen! Ich erinnere mich an einen Herrn, der unbedingt den passenden Schuh zu der Innenausstattung seines Bentleys haben wollte. Wir haben also ein Modell angefertigt, dass identisch zu der Farbe und dem Leder seines Autos passte. Das war oder vielmehr ist schon eher außergewöhnlich. Ach ja, er ist Deutscher…

Die verrückten Deutschen! Kannst Du dich noch an deinen ersten Tag bei Foster & Son erinnern?
Ich kann mich an den Tag erinnern, als ich hier zu Besuch war und Terry Moore kennenlernen durfte. Ich war tierisch aufgeregt, schließlich ist er einer der besten Schuhmacher der Welt. Glücklicherweise war er sehr nett zu mir und unglaublich freundlich. Er wusste jede Menge über die japanische Kultur, weil er viel für seinen Job bei Foster & Son gereist ist. Wir haben uns sehr gut unterhalten und bevor ich an dem Tag nach Hause gegangen bin, hat er mir noch Arbeitswerkzeug geschenkt. Darüber freue ich mich bis heute…

Gibt es rückblickend einen Rat, den Du gerne zu Beginn deiner Karriere gehört hättest?
Ehrlich gesagt, nein. Ich war jung und hatte nicht wirklich etwas zu verlieren. Ich hatte unglaubliches Glück, dass ich Terry getroffen habe. Er ist einer der Besten und ich habe jede Menge von ihm lernen können.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?
Ich fange um zehn Uhr an und wöchentlich wird im Team abgestimmt, was für die nächsten Tage ansteht. Es gibt eine Art Checkliste und es fallen die unterschiedlichsten Dinge in meinen Aufgabenbereich: Das kann zum Beispiel das Schneiden von Mustern sein, die Verarbeitung von Ziernähten oder aber die Betreuung von Mitarbeitern.

Wie groß ist Euer Team?
Wir sind insgesamt fünf Mitarbeiter. Aktuell sind nicht alle hier vor Ort, weil es immer jemanden gibt, der von zuhause arbeitet oder für Aufträge unterwegs ist.

Foster and Son 1
Bild: Nick Harvey for Heart of London Business Alliance

Musst Du viel für Foster & Son verreisen?
Ich betreue aktuell den japanischen Markt und bin dementsprechend immer wieder vor Ort. Wir haben die einzelnen Länder und Kontinente aufgeteilt, ein Kollege macht China und den restlichen asiatischen Markt, ein anderer die USA und dann gibt es wieder jemand anderes, der in Europa unterwegs ist.

Eine abschließende Frage: Was muss ich für eine erfolgreiche Karriere als Maßschuhmacher mitbringen?
Ich sage es mal so: In dem Bereich in dem ich arbeite, ist es immens wichtig, dass man bei einem erfahrenen Schuhmacher lernt und Erfahrungen sammelt. Man muss das Handwerk von Grund auf kennenlernen und verstehen. Du musst dir vorstellen, dass man stundenlang neben jemanden sitzt, winzige Details beobachtet und erst stückweit mithelfen kann. Es gibt nicht viele, die an so einem Job Interesse haben. Man sollte auf jeden Fall eine hohe Auffassungsgabe und Geduld mitbringen!

So oder so ähnlich hätte unser Gespräch noch lange weitergehen können, mein St James-Guide aber tippt auf seine Armbanduhr und signalisiert mir ein höfliches „unfortunately, we have to go now“! Ich, Feuer gefangen von Emikos Arbeit, möchte am liebsten hierbleiben und habe mich gerade erst warmgequatscht. Ich nutze die letzten Minuten und stelle eine final-finale Frage:

Was magst Du an dieser Gegend?
Du meinst St James und diese Straße? Es ist diese ganz bestimmte Atmosphäre, die dieses Viertel ausmacht. Insbesondere die Jermyn Street ist wie gemacht für Gentlemen: Es gibt jede Menge Schneidereien, Schuhmacher und andere spannende Geschäfte. Schier unzählige Möglichkeiten, in hochwertige Produkte zu investieren. Natürlich sieht man nicht nur interessant gekleidete Männer in elegantem Anzug und maßgefertigten Schuhwerk, sondern auch die Leute, die in diesem Viertel arbeiten. Menschen, die uraltes Wissen und Handwerkkunst erlernt haben und weitergeben.

Ein mehr als passender Abschluss für den ersten Teil meiner Reisereportage, vielleicht komme ich irgendwann als erfolgreicher Geschäftsmann wieder und kann mir mein eigenes Paar Schuhe von Foster & Son anfertigen lassen. Ich hoffe euch hat der Einblick gefallen?

Teil II folgt in Kürze!

Adresse:
Foster & Son
83 Jermyn Street
London SW1Y 6JD
0044 (0)20 7930 5385

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