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Raf Simons verlässt Dior: Der Tropfen und das Fass

Raf Simons; Bild: © Christian Dior; PR

Es gehört mittlerweile fast zum Saisonalltag, dass irgendeine Meldung kommt, dass sich Designer X von der Marke Y getrennt hat. Das Designerkarussell in den verschiedenen Konzernen scheint sich ständig zu drehen. Die Pressemeldungen sind, egal ob sich das Unternehmen vom Kreateur oder der Designer von der Marke trennt, immer neutral gehalten und mit vielen Dankesbekundungen versehen. Manchmal muss man dann stark nachdenken, wer nun eigentlich welches Label designt und für die Linie verantwortlich ist – ein Phänomen unserer Zeit, die immer schnelllebiger wird.
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Christian Dior Haute Couture Fall-Winter 2012; Bild: © Christian Dior; PR

Der rege Personalwechsel ist aber auch darauf zurückzuführen, so wird sicher mancher denken, dass es nur noch wenige Konzerne gibt, unter deren Dächern sich die meisten Marken befinden. Aber das eigentliche Problem liegt woanders – jedenfalls im hochwertigen Bereich der Haute Couture und des Prêt-à-porter. Im Falle von Raf Simons, der letzte Woche das Haus Dior verließ und mit seiner im Oktober gezeigten Kollektion für Frühjahr-Sommer 2016 den Schlusspunkt seiner seit 2012 andauernden Kreativdirektion setzte, wurde die Diskussion nun erneut entfacht. Simons gab als Grund für seinen Entschluss an, sich wieder verstärkt um seine eigenen Linien zu kümmern und seine „Work-Life-Balance“ zu stärken – der enormen Druck von sechs Kollektionen im Jahr hinterlässt seine Spuren.

Eine persönliche Entscheidung – zumindest auf den ersten Blick. Nüchtern betrachtet bedeutet es, dass der Designer bei sechs Kollektionen, die er im Jahr entwirft, von der Idee bis zur Runway-Kollektion durchschnittlich acht Wochen Zeit hat. In einem Metier, das die Spitze der Bekleidungskunst bilden soll, jedes Mal mindestens eine Sensation beinhalten muss und auch noch perfekt von der Handwerklichkeit, den Materialien und in einer beispiellosen Vollkommenheit ausgeführt sein soll. Dior ist eines der führenden Modehäuser und die Aufgaben des Designers hören sich für mich jedenfalls nicht nach einem Kinderspiel an, sondern nach einer Sisyphusarbeit, die nicht zu schaffen ist.
Natürlich entwirft so ein Designer nicht alles allein. Konzerne haben schließlich unendlich viele Ressourcen an Entwicklern und ein großes Team. Das ist sicherlich richtig, allerdings darf man bei so einer umfassenden Arbeit einen Faktor nicht unterschätzen: die Zeit.

Blenden wir zurück: Anfang der 2000er Jahre änderte sich das System bei der hochwertigen Designermode komplett und plötzlich sollte es, wie im Fastfashion-Bereich, auch alle acht Wochen etwas Neues in den Boutiquen geben. Während zuvor die Zeit dafür genutzt werden konnte, Ideen zu entwickeln, neue Modelle und Schnitte auszuprobieren und mit den Webern hochwertige Stoffe zu entwickeln, sollte nun auch in dem Genre, das eigentlich für hohe Qualität und Langlebigkeit stand, alles in der doppelten Geschwindigkeit passieren.
Zudem kam immer stärker ein besonderer Faktor ins Spiel, der die Fremdbestimmung der Designer um 100 Prozent verstärkte: Marketing und Shareholder-Value. Während vorher normale Gewinne aus diversifizierten Kollektionen entstanden, sollte fortan der Gewinn in jedem einzelnen Teil um das Vielfache wachsen. Immer mehr Manager aus Food-, Auto- oder Konsumgüterindustrie übernahmen das Zepter in den Modehäusern und meinten die Konzepte, die bei Waschmittel oder Joghurt funktionieren, auf Haute Couture oder Prêt-à-porter übertragen zu können. Die Quartalsergebnisse mussten verstärkt werden, da die Aktionäre ja immer höhere Dividenden wollen.
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Christian Dior Haute Couture Fall-Winter 2012; Bild: © Christian Dior; PR

Der Ethos, der einst die Mode bestimmte, wurde von Menschen, die zwar beeindruckende akademische Lebensläufe und theoretische Erfahrungen vorweisen können, komplett auf den Kopf gedreht. Mit Mode haben die wenigsten Entscheider jemals etwas in ihrem Leben zu tun gehabt, aber Tabellen und Umsatzkurven können sie im Schlaf lesen. Stil und Geschmackssicherheit sowie ganzheitliche Betrachtung des Metiers? Fehlanzeige! Intuition oder die Gesetzmäßigkeit, dass Mode etwas mit Vision, Empathie und mit Gefühl die Entwicklungen auf hunderterlei Gebieten lesen und dechiffrieren zu können, werden für romantische Träumerein von Designern gehalten, die alle ein bisschen empfindlich sind. Marktanteile sind wichtig und jeder will, dass ein Artikel erfunden wird, der sich unendlich viel und spielend verkauft – sozusagen das „iPhone der Mode“.
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Christian Dior Haute Couture Fall-Winter 2012; Bild: © Christian Dior; PR

Der Faktor „Kunde“, mittlerweile ‚Konsument‘ genannt, wird grob unterschätzt. Er soll alles schlucken, was Zeit und Kosten spart. Das Grundgesetz der Luxusbranche, dass man viel in ein Produkt an Arbeit, Material und Liebe stecken muss, um dann etwas zu präsentieren, was zu demjenigen spricht, der es schließlich und endlich erwirbt, hat sich für Manager überholt. Schon meine Großmutter prägte mich mit dem Satz „sei gut zu den Dingen, dann sind sie gut zu dir und strahlen“. Eine Sichtweise, die veraltet zu sein scheint? Mode nur anhand von Tabellen und Statistiken zu gestalten und Kollektionen mit unendlichen Steigerungen in kürzester Zeit zu machen, die sich Saison für Saison überbieten – ein System, das zwangsläufig auf der Strecke bleiben muss. Natürlich ist belegbar, dass auch in früheren Zeiten Designer, weil sie häufig Ausnahmemenschen sind und nicht an Bäumen wachsen, wie Konzernmanager zu denken scheinen, auch bei weniger Kollektionen den Druck auf Dauer nicht mitmachen wollten.

Yves Saint Laurent und John Galliano ertränkten ihre Ängste in Alkohol und Drogenexzessen. Christian Lacroix gab nicht nur wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten 2008 auf, sondern auch, weil er sich von dem Ablauf einer Kreativ-Kette, die immer wieder von vorne anfängt, freisprechen wollte. Sicherlich hat so eine Entscheidung auch was mit dem Alter zu tun – Raf ist kurz unter fünfzig und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich die Schwerpunkte und der Fokus in dem Alter stark verändern und man sich überlegt, ob alles so bleiben soll wie es ist oder man etwas ändert.
Die Gegenbeispiele sind die Designer wie Giorgio Armani oder Karl Lagerfeld, die heute den Weltgeschmack bestimmen und mit über 80 noch das gesamte Erscheinungsbild von Weltkonzernen prägen. Ausnahmeerscheinungen, weil sie mit der Philosophie der Themenkollektionen arbeiten und die Hierarchien der wirklichen Entscheider in den Häusern klein gehalten haben. Zwar arbeiten sie auch in großen Konzernen aber schließlich und endlich besitzen sie die Freiheit, alles zu entscheiden und zu prägen. Wenn Karl Lagerfeld etwas will, dann wird das Eins-zu-eins umgesetzt.
Bei Privatunternehmen wie Hermès löst der immer schneller werdende Rhythmus eher Unwohlsein aus und führt zu Warenverknappung. Eine Birkin Bag kann man kaum noch im Laden kaufen, muss Wartezeiten hinnehmen oder auch ein „Nein“, weil man tadellose Qualität und Handwerker nicht mal eben multiplizieren kann. Der Wunsch, eher weniger Umsatz zu machen und sich wieder auf seine Wurzeln zu besinnen und den Anspruch zu halten, wird in mancher Firma schon seit Längerem nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen.

Natürlich wird jeder sagen, dass der Weltmarkt heute viel größer als in den Achtziger und Neunziger Jahren ist, aber damals wollten Designermarken auch nicht jedermann bedienen. Luxus ist nicht demokratisch und vom Prinzip her ist es auch nicht gedacht, dass jede Sekretärin der Welt Chanel trägt oder Taschen von Hermès besitzt. Das klingt zwar hart, aber selbst mit zwei Kollektionen im Jahr, eine für Frühjahr-Sommer und eine für Herbst-Winter müsste niemand, der hochwertige Designermode bezahlen kann, nackt rumlaufen.
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Christian Dior Haute Couture Fall-Winter 2015; Bilder: © Christian Dior; PR

Ein Widerspruch in sich ist es, Hochwertigkeit in Massen zu konsumieren, denn Hochwertigkeit hat auch immer etwas mit Langlebigkeit zu tun. Ist ein Produkt für einen Mondpreis nicht von begnadeter Qualität oder mit handwerklichen Grundsätzen hergestellt, ist es ja schließlich und endlich kein Luxusprodukt, sondern normale Stangenware. Und so sollen die meisten Kollektionen auch aussehen, die von den Designern entwickelt werden. Auf der einen Seite sollen die Entwürfe die Codes des Hauses ausstrahlen und ’sensationell‘, ’neu‘ und ‚anders‘ sein. Auf der anderen Seite aber sollen die Designs auch alle Kulturen, Geschmäcker und jeden Hans und Franz bedienen. Natürlich sollen sie auch genau so sein wie alles, was sich schon einmal gut verkauft hat und auch noch Nummer Sicher und preisgünstig bei der Herstellung sein. Mogelpackungen, die unentdeckt bleiben?
Kauft man Dior, will man auch nicht nur, dass Dior draufsteht. Es soll auch der Geist, die Qualität und das Handwerk in jedem kleinen Schal, jeder Tasche und jedem Abendkleid enthalten sein. Raf Simons hat erkannt, dass das nicht in acht Wochen zu leisten ist und dass auch ein Umsatzplus von 60 % ihn nicht dauerhaft motiviert, das Spiel mitzuspielen. Als mögliche Nachfolger werden Namen wie Riccardo Tisci oder Phoebe Philo gehandelt. Doch egal, wer dann final benannt wird: zu beneiden ist keiner, denn die Zeit für die Kollektionen wird nicht länger.

Nur die Verbrennungs- und Verglühzeit der Designer wird immer heftiger und es scheint auch niemanden zur Umkehr zu bewegen. Wenn ein Weber für den hochwertigen Stoff acht Wochen braucht, um ihn herzustellen und man ihn aus dem Grund nicht in die Kollektion nehmen kann, gibt es den billigen Ersatz, der am Lager ist und genommen werden kann. Warum man schließlich und endlich überhaupt noch Luxusmode kaufen soll, ist nicht mehr zu rechtfertigen. Viele Menschen, und gerade die jüngere Generation, sind heute bewusster und werden auch dann nicht, wenn sie besser verdienen, zu den Designer gehen und kaufen.
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Christian Dior Haute Couture Fall-Winter 2015; Bilder: © Christian Dior; PR

Es ist wichtig, dass Dinge nicht nur so aussehen wie, sondern auch dass sie Persönlichkeit haben. Diese Persönlichkeit prägt die Kollektionen der Modehäuser und ihrer Kollektionen. Früher stand ein Name an einem Modehaus und die Person dahinter war so etwas wie das Role Model der Kunden. Das ist vielleicht eine überholte Sichtweise und Vorbilder sehen heute anders aus. Und doch ist es so geblieben, dass das Produkt von der Fantasie und dem Spirit des Designers ausgeht. Jeder, der kreativ arbeitet, kann es nachvollziehen, welche Rolle die Freiheit im Kopf spielt und wie wichtig die Grenzen sind, die man nicht gesteckt bekommt und wie sich das tiefe Vertrauen anfühlt. Wenn aber von allen Seiten immer mehr Druck ausgeübt wird und dieser sich einem kaum mehr auszuhaltenden Mediendruck diese sich wie eine Würgeschlange um den Hals legt, kann man dem Druck nicht mehr standhalten. Deswegen bewundere ich die Entscheidung von Raf Simons und seine Ehrlichkeit. Eine Entscheidung, die sehr viel mit Persönlichkeit und einem klaren Kopf zu tun hat. Diesen klaren Kopf würde man all denen wünschen, die dieses Zeichen erkennen sollten und es wahrscheinlich nicht tun werden. Es wäre ein Anstoß zur Umkehr, denn Umsatzeinbrüche in China und Russland sind nur die Vorboten für eine Branche, die sich immer stärker von dem entfernt hat, was sie eigentlich repräsentiert. Die französischen und italienischen Modehäuser sind ganz tief verwurzelt in der europäischen Kultur und dem Handwerk. Etwas, was sich alle Völker der Welt sehr gerne kaufen, solange es eben diese Kultur repräsentiert und eine Haltung und eine Philosophie spiegelt, die authentisch ist.
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Christian Dior Haute Couture Fall-Winter 2015; Bild: © Christian Dior; PR

Die Codes Karl Lagerfelds, von vielen als ‚oldschool‘ belächelt, gehen auch auf, weil jeder schon mal auf einem Flughafen war oder gern ins französische Bistro geht und jedes Teil diesen Spirit atmet. Der Mehrwert ist immer die Interpretation oder dass man etwas über ein Land lernt oder das einfach die Fantasie zum Lachen gebracht wird. Das verkauft sich schließlich und endlich auch, weil jeder gern mit dem Geist unterwegs ist und keiner mehr nur Bekleidung braucht oder Statussymbole, die keinen Inhalt haben. Die Zeit, die Haute Couture oder gehobenes Prêt-à-porter braucht, ist das, was jeder gern bezahlt, wenn man es spürt und die Teile es ausstrahlen, das Produkt vollkommen ist und nicht nur die Umsatzkurven toll aussehen. Mode ist Fantasie und Sorgfalt und die Suche nach dem nächsten Millimeter an der Perfektion der Zeit in der sie entsteht.

Ich bewundere und bedauere die Entscheidung von Raf Simons. Schade, dass das System solche guten Leute opfert. Ausnahmetalente gibt es nicht viele. Alessandro Michele von Gucci ist auch so eines, wo man nur beten kann, dass der Konzern die nötige Geduld und er die nötige Durchhaltekraft besitzt. Trotzdem muss etwas geschehen bei den meisten Luxusbrands. Es gilt, die Glaubwürdigkeit zu bewahren und die Lösung dafür – auch wenn es keiner hören will – heißt Entschleunigung und Verzicht auf Profite. Sonst sind bald alle Talente verbraucht und das wäre Schade. Danke Raf Simons! Danke für wunderschöne Dior-Momente!

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  • Clemens Ritter von Wagner
    26. Oktober 2015 at 12:00

    Lieber Peter.

    Ich kann Deinen Worten nur in jedem Moment zustimmen.
    Konzerne, im Besonderen deren Manager, sind natürlich Ihren Aktionären verpflichtet. Ausserdem wissen sie auch um ihre eigene Kurzlebigkeit auf ihren Positionen. Daher scheint es nur logisch, das Profit das treibende Element ist. Und Marketing das Tool, welches das Produkt als Mittel zum Zweck nutzt. Nachhaltigkeit bleibt dabei auf der Strecke.
    Daher muss Luxus m.E. neu definiert werden. Individualität, Qualität und Rarheit definieren meinen Luxus. Nicht das Label aus der Retorte der Konzerne. Das würde den Kreativen wieder die Zeit geben.
    Erst wenn es wieder chic ist etwas BESONDERES gefunden zu haben, wo nicht der Wert sofort am Lable definiert werden kann, lebt Individualität. Doch bis dahin werden noch viele Talente verheizt und die Modeboulevards der Welt immer einheitlicher.
    Nochmals, danke für einen so klaren Bericht.
    Cheers Clemens

  • Serven
    26. Oktober 2015 at 12:15

    Ich mochte die Arbeit von Raf Simons bei Dior nie besonders.
    Ich sah darin nie das, was alle gesehen haben. Schon bei Jil Sander fand ich ihn öde. Und schon Ende der 90erJahre,
    als der Raf Simons Hype ausgebrochen war, fand ich ihn langweilig. Zu sehr ist für mich in seiner Arbeit der Produkt- und Möbeldesigner gegenwärtig.
    Anders als z.B. der Architekt Ferre, finde ich konnte RS nie seine Gedanken wirklich in Mode übertragen. Für mich hat er immer tragbare Möbel gemacht.

    Gut, das ist persönlicher Geschmack. Ich finde es natürlich schade, dass er hinschmeisst. Aber es zeigt, wo sich ein Mensch, Mitte/Ende 40 befindet. Ich denke, er steht kurz vor oder nach dem Burnout.
    Das ist bedauerlich und wie der Autor zu recht zu verstehen gibt, werden die Menschen in diesem Bereich verheizt.
    Das hat viele Gründe zum einen natürlich der immer grössere Druck innerhalb der „Firma“, die Träume wie am Fliessband produzieren will, um die Kasse klingeln zu lassen. Zum anderen aber auch Presse und Blogs, die sich auf grosse Häuser eingeschossen haben. Nach aussen sieht es aus, als
    würde Mode von fünf grossen Häusern gemacht. Über diese wird in Blogs, aber auch in seriösen Medien berichtet. Meist ausschliesslich über die. Schaut man sich aber den inoffiziellen Kalender der Modeschauen an, dann findet man
    unzählige Modedesigner, die oft für nur eine Handvoll Menschen wunderbare Kollektionen zeigen.
    Diese lässt man ausser acht. Jeder Hans-und Franz Blogger oder Mini-Stylist, würde sich vor dem Dior-Zelt die Beine in den Bauch stehen, wenn es eine Chance geben würde, die Show zu sehen. Die selben Leute aber schnauben nur verächtlich, wenn sie zu einem Defilee eines unbekannten Designers eingeladen werden.
    Würde man hier etwas die Luft raus lassen, würde den grossen Häusern signalisieren, dass sie auch „nur Klamotten“ machen, und es auch andere gibt, die schöne Arbeit leisten, dann würde man auch Druck von Leuten wir Raf Simons nehmen. Ich habe schon wunderbare Kollektionen gesehen von Leuten, die keiner kennt. Diese Kollektionen hatten 7-10 Silhouetten. das hat vollkommen gereicht. Es müssen nicht 60, 80, 100 sein und das sechs mal im Jahr.

    Der Autor hat hier vollkommen recht. Es reichen zwei Kollektionen im Jahr, keiner muss nackt sein. Ich denke, für die Designer heisst es hier wieder: Von den eigenen Anfängen lernen, bei den kleinen schauen, wie sie mit wenig Silhouetten
    eine wunderbare Show meistern.

    An Presse und Blogs heisst es, das eigene Blickfeld öffnen, es gibt mehr als Saint Laurent und Dior.

    An die Aktionäre heisst es, etwas die Luft rauslassen und die Profitgier zu Gunsten von Qualität zurückzustellen.

    Es ist ein ungünstiges Metier im Moment. Irgendwann wird die Blase platzen. Dass dies mit Raf Simons geschieht, bezweifel ich allerdings. Schon zu oft ist in der Mode „die Welt untergegangen“ und es ist nichts passiert. In sechs Monaten wird keiner mehr von Raf Simons bei Dior sprechen.

    Walther van Beirendonck hat sehr früh dieses „verheizen“ erkannt und sich nicht mehr vor den Karren spannen lassen.
    Das war Ende der 90er Jahre, als er bei „W&LT“/Mustang erkannt hat, dass mehr und mehr seine Ideen in den Hintergrund treten und mehr und mehr der finanzielle Aspekt der Marke im Vordergrund steht. Er hat damals hingeschmissen, wie jetzt auch RS. Nur damals etwas unspektakulärer als RS bei Dior. Aber sicher hatte RS als ehemaliger Beirendonck Praktikant diese Situation noch im Hinterkopf.

    Es liegt mit an uns, diese Umstände zu ändern, den Blick weiter zu streuen, Mode zu unterstützen und nicht nur Firmen und deren Aktionäre.

    Und letztendlich hat es auch was gutes für Raf Simons, vielleicht konzentriert er sich jetzt endlich und macht einige wundervolle Möbel!

  • Markus
    26. Oktober 2015 at 14:26

    Ich habe nie verstanden warum es soviele Kollektionen im Jahr geben muss. Die Kunden haben doch nur EIN Budget. Ist die Kundin mittlerweile so gelangweilt von sich selbst, dass sie alle 8 Wochen neuen Input braucht? Auf jeden Fall kauft sie sich nicht alle 8 Wochen ein neues Teil oder gar komplette Outfits, sonst wären die Geschäfte auch nicht vollgestopft von Zeug. Das Gegenteil ist der Fall. Die Leute haben das Gefühl alles zu jeder Zeit und auch noch preisreduziert erstehen zu können. Es muss nicht mehr auf DAS Teil gespart werden. Die Designer werden gezwungen dies mit zu machen, Vertikalisierung heißt das Zauberwort,die Manager ersinnen hübsche Pläne, sie prognostizieren schon Jahre voraus, wieviele Farbe, wieviel Dekoration, welche Preislagen bei welchen Temperaturen womöglich gekauft werden könnten. Der Designer hat dann nur noch die Aufgabe und hier zitiere ich Peter, da ich es nicht besser formulieren könnte: „Auf der einen Seite sollen die Entwürfe die Codes des Hauses ausstrahlen und ’sensationell‘, ’neu‘ und ‚anders‘ sein. Auf der anderen Seite aber sollen die Designs auch alle Kulturen, Geschmäcker und jeden Hans und Franz bedienen. Natürlich sollen sie auch genau so sein wie alles, was sich schon einmal gut verkauft hat und auch noch Nummer Sicher und preisgünstig bei der Herstellung sein.“ Beifall für diesen großartigen Bericht, der m.E. auf jeden Fall einige Kreative zum Nachdenken bringen wird.

  • Tim
    26. Oktober 2015 at 14:51

    Auf den Punkt analysiert.

  • vk
    26. Oktober 2015 at 19:55

    bravo bravo, peter und serven! ein wunderbares duett!
    persoenlich konnte ich den RAF-hype auch nie nachvollziehen. schom nicht in den spaeten 90ern als mir hedi slimane mit seinem ersten run bei ysl einen neuen und ungeahnten zugang zu contemp fashion bahnte. ich fing an, slimane zu kaufen. bekannte sagten mir, wenn du jetzt damit anfaengst, dann hab ich was viel besseres fuer dich: RAF simons. hat fuer mich nie funktioniert. same same but VERY different. sperriges, koerperfernes zeug, auch wenn es eng anliegt. sinnenferner industriellintellektueller ueberbau. ich konnte da nichts fuehlen, was auch nur im entfernstesten etwas mit mir zu tun hat. und ich liebe industrial design und architektur. in its place.
    bei ‚dior and i‘ kam mir der mann zumindest als literarische gestalt nahe.
    was wollen wir von design oder von mode? wir wollen in kontakt treten, wir wollen beruehrt werden. wir wollen etwas, das durchflutet ist und zu leben erweckt von der hand eines bewussten gestalters. wir wollen keinen trash aus einer trashwelt, die uns umgibt. wir wollen den kuss der liebe und des lebens, das uns erloest. – einfache sache. design funktioniert genau so. wenn es gut ist. aber es gibt, wie peter nahelegt, eben quantitative grenzen der schaffenskraft. grenzen der liebe, bevor sie sich ausduennt. wer kann in hochgetakteter industrie noch in jedes detail seinen atem legen. den atem, der letztendlich das einzige ist, fuer das wir bei lichte besehen zu zahlen bereits sind. RAF ist nicht der erste, der sich zurueckzieht. so wares auch hedi irgendwann. der dann zurueckkam, um nurmehr flohmarktfunde zu kuratieren. eine durchaus valide und lautere position. wenn nicht als gestalter, dann schaffe ich doch als ‚kurator‘ sinn. skalierung der liebe in postindustrieller logik. nicht schlecht. ueberhaupt nicht schlecht. und jetzt gibt es dann irgendwann saint laurent couture schoen verkappt als sahnehaube oben drauf. slimane, so scheint es mir fuer diesen augenblick, hat nach entsagung und mit comeback zumindest einen weg im system gefunden. einen virtuose und intellektuell anspruchsvollen zudem. aber was rede ich. ich war schon immer hedi-fan.

  • Stephan Berlin
    27. Oktober 2015 at 07:13

    Wow, was fûr ein wunderbarer thread! Und ich finde ganz wunderbar, daß Raf und Hedi immer noch die Diskussion bestimmen und man an ihnen die Welt festmachen kann. Das werden Wu und Wang nie schaffen!

  • thomash
    27. Oktober 2015 at 14:22

    dass ein kreativer von sich aus das handtuch schmeisst, sollte ein warnsignal sein an alle klein-klein-rechner. ohne geeignetes klima für einen schöpferischen geist gibt’s auch keine interessanten produkte, keine interessante marke und dann geht über kurz oder lang auch der shareholder value flöten.

    jaja, konzerne sind eben ihren shareholdern verpflichtet. aber das hört sich immer so an, als ob sie diesen ausschließlich verpflichtet wären. und nicht auch ihren marken und den kunden, aus deren taschen ja letztlich das geld in richtung konzern fließen soll.

  • Monsieur_Didier
    27. Oktober 2015 at 19:01

    Stephan Berlin: …so isset… und deswegen sind sie besser, weil sie keine seelenlose Verkaufs- und Rechenmaschinen sind, sondern weil sie Herzblut haben…
    Hedi ist zwar designerisch nicht so meins, aber immer wenn ich auf dem Ku-Damm am komplett umgestylten Store vorbeikomme kribbelt es und ich muss durchaus bewundernd und anerkennend lächeln…
    da hat jemand viel gewagt und einiges gewonnen…
    auch wenn die Sachen nicht die meinen sind, er hat einfach einen neuen Weg eingeschlagen, allein dafür hat er meine Bewunderung…

    und Raf, ach, spätestens seit ich diesen wunderbaren, wunderbaren Kinofilm gesehen habe (und ich war deswegen sogar allein im Kino, das kam schon Ewigkeiten nicht mehr vor) liebe ich ihn…
    ein komischer Kauz, aber ich mag seine wortkarge, belgisch-bodenständige Art total…
    ehrlich und vollmundig wie belgische Schokolade…!

  • serven
    28. Oktober 2015 at 18:31

    Dass Alber Elbaz jetzt auch hinschmeisst, das trifft mich wirklich schwer, Ich dachte immer, Lanvin sei eine „ruhige Insel“ in dem Trubel!

  • Alber Elbaz verlässt Lanvin – Das Pariser Personalkarussell dreht sich weiter … | Horstson
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