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Alber Elbaz verlässt Lanvin – Das Pariser Personalkarussell dreht sich weiter …

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Alber Elbaz: „I Hope that Lanvin Finds the Business Vision it Needs“; Bild: Screenshot Video

Alber Elbaz bestätigte heute, dass er nicht mehr bei Lanvin als Designer tätig sein wird.
Dass der israelische Modeschöpfer nach 14 Jahren „einfach so“ das Handtuch schmeißt, gilt bei seinem Charakter als unwahrscheinlich. Das älteste noch agierende Pariser Modehaus, 1889 gegründet von Jeanne Lanvin, hat erst durch Elbaz eine völlig neue Bedeutung in der ersten Reihe der Pariser Modeinstitutionen erlangt.
Elbaz selbst zeigt sich in seinem Statement zum Weggang dankbar, allerdings scheinen der Designer und das Haus Lanvin unterschiedliche Vorstellungen zur weiteren Zukunft gehabt zu haben:

„At this time of my departure from Lanvin on the decision of the company’s majority shareholder, I wish to express my gratitude and warm thoughts to all those who have worked with me passionately on the revival of Lanvin over the last 14 years; express my affection to all my wonderful colleagues in the Lanvin ateliers who accompanied me, and who enriched and supported my work. Together we have met the creative challenge presented by Lanvin and have restored its radiance and have returned it to its rightful position among France’s absolute luxury fashion houses.

„I also wish to express my profound and deepest gratitude to all of the clients and friends, to the French and international press and to all those business partners who collaborated with Lanvin, providing us with support since 2001.“

„I wish the house of Lanvin the future it deserves among the best French luxury brands, and hope that it finds the business vision it needs to engage in the right way forward.“

Alber Elbaz, der in einem Interview vor einigen Jahren als seine Lieblingsspeise „deutsche Würstchen“ angegeben hat, gilt als sehr besonnenes und fleißiges Ausnahmetalent. Mit seinen 54 Jahren verkörpert Elbaz die Figur eines Designers alten Zuschnitts, der nicht nur eine klare Linie hat, sondern von Anfang an die Gabe besaß, sich extrem gut auf die Stilistik seiner Arbeitgeber einzustellen. So gab er dem französischen Label, das für die Siebziger Jahre steht wie kein anderes – Guy Laroche – in den Neunzigern ein kurzes Comeback. Zu Lebzeiten von Yves Saint Laurent machte Elbaz dann mit der Kreativdirektion der „Rive Gauche“-Kollektion hervorragende Arbeit, die den Inhabern sehr gefiel. Elbaz führte den berühmten Schuh, den Catherine Deneuve in „Belle de Jour“ getragen hat, wieder ein und bewegte sich mit frischen Esprit sehr nah an den Werten des Hauses.
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„Vitrines Lanvin – Paris février 2010“; Bild: Stéphanie Moisan; Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0 DE

Seit 2001 gab Alber Elbaz Lanvin das Image, das Humor für ihn – genau wie die Fantasie – die wichtigsten Zutaten von Mode sind. Nicht verwunderlich, dass die Schaufenster an der Rue du Faubourg-Saint-Honoré stets zu Happenings seines Stiles wurden …
Dabei setzte er vom Etikett bis zu den Looks die Codes von Lanvin und die Eigenschaften, die das Haus ausmachten, perfekt in sein Prêt-à-porter um und machte das Haus international sehr erfolgreich – gerade bei der viel umworbenen jüngeren Kundschaft.

Natürlich brodelt die Gerüchteküche aktuell doppelt so stark – erst vor wenigen Tagen wurde der Weggang von Raf Simons bei Christian Dior bekannt gegeben. Dass Alber Elbaz zu Dior gehen könnte, liegt bei seiner Erfahrung natürlich auf der Hand und von seinen Wurzeln wäre er sicherlich mit allen Eigenschaften ausgestattet, so ein traditionelles Haus leiten zu können. Auch macht Elbaz keine eigenen Kollektionen, denen er sich widmen könnte und er wirkt auch nicht so, als wenn er ständig vom Burn-out bedroht ist.
Als er letzte Woche den Superstar Award verliehen bekam, beschrieb er gut den Druck unter denen heutige Designer arbeiten. Gleichzeitig erklärte er lt. Harper‘s Bazaar aber auch seine Philosophie und Einstellung zur Arbeit:

„Wir Designer haben als Couturiers mit Träumen, Intuitionen und Gefühlen angefangen. Am Anfang dachten wir: Was brauchen Frauen? Was wollen sie? Was können wir für sie machen, damit ihr Leben besser und leichter wird? Dann wurden wir Creative Directors und mussten neben dem Entwerfen vor allem dirigieren. Jetzt sind wir Image-Makers und stellen sicher, dass alles auf Fotos gut aussieht. The screen has to scream baby– so läuft’s. Je lauter, desto besser. Laut sein ist das neue Cool, das ist nicht nur in der Modebranche so. Ich allerdings bevorzuge Flüstern. Es geht tiefer und hält länger.“

Von daher wäre Elbaz gut geeignet, Nachfolger von Raf Simons zu werden. Sicherlich wünschen sich jetzt die Arnaults und Monsieur Toledano einen Designer bei Dior, der mit Disziplin und stählernen Nerven ausgestattet ist. Wir werden sehen, was sich ergibt, aber die Wahl wäre nicht schlecht.
Eine ganz neue Frage kam durch den Weggang von Alber Elbaz aber hinzu: Wer wird der Nachfolger bei Lanvin? Das ist wiederum ein spannendes Thema, weil das Image von Lanvin maßgeblich von Alber Elbaz geprägt wurde …

Alber Elbaz, der immer ein bisschen wie ein etwas in sich gekehrter Clown wirkt, tritt nie laut oder skandalös auf. Er ist auch nie mit trashigen Stars oder Promis zu sehen. Er bildet seit zwanzig Jahren so etwas wie die mittlere Generation von Kreateuren, die die Zukunft der Mode gestalten – aber mit den Werten und dem Ethos, den dieses Ur-Pariser Metier ausmacht. Deswegen, egal wohin er geht – er wird es gut machen. Elbaz‘ Frauen sind immer selbstbewusst, fröhlich, wagemutig und feminin. Billige Attitude wird er auch weiterhin verabscheuen. Zumindest das ist schon jetzt sicher …

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  • Fashionnerd
    29. Oktober 2015 at 09:24

    Man kommt immer mehr zu der Auffassung das Li Edelkoort mit ihrem Abgesang auf die Mode recht hat.
    Wo Zahlenmenschen die Marschrichtung von Modehäusern bestimmen, stirbt die Kreativität.
    Wer nicht mitschwimmt im großen Haifischbecken wird aufgezehrt und dem Mainstream und Marketingdruck geopfert.
    Wahrscheinlich folgt nun auch die Luxusindustrie all den Esprits und Gerry Webers dieser Welt mit zu viel, zu billiger ( nicht zu preiswerter) und zu vergleichbarer Ware auf der Jagd nach dem schnellen Profit.

    Schade drum!

  • Siegmar
    29. Oktober 2015 at 09:44

    Augenscheinlich hat Li Edelkoort recht, finde ich sehr schlimm und auch schade für Lanvin. Die Arbeiten von Alber Elbaz sind grandios und sollte er tatsächlich zu Dior gehen, wäre es für das Haus wunderbar, sicherlich ganz anders als Raf Simons. Warten wir es ab.

  • Markus
    29. Oktober 2015 at 12:37

    wunderbarer Bericht, und ja, er wäre perfekt für Dior. Die Nachfolge für Lanvin wird sehr schwer, da der Look von Alber überhaupt erst erschaffen wurde.

  • Monsieur_Didier
    30. Oktober 2015 at 10:02

    …ich finde Alber Elbaz über alle Maßen sympathisch und er ist einfach ganz besonders, ohne ein überhöhter „Künstler“ zu sein…
    ich behaupte einfach mal, dass man sich um ihn keine Sorgen machen muss, er findet sein Refugium…!

  • Monsieur_Didier
    30. Oktober 2015 at 10:06

    …der Bericht ist, wie eigentlich immer, sehr detailreich und wertschätzend geschrieben, was ich nicht so gut finde ist der Umgang mit dem Begriff „Burnt out“…
    aber ich bin mir sicher, dass er nicht despektierlich gemeint ist…!!!

  • serven
    30. Oktober 2015 at 11:45

    Diese Nachricht hat mich sehr getroffen. Viel mehr als bei Dior.
    Vor allem auch, weil ich einige Freunde bei Lanvin habe, für die es ein Schlag war. Nun, sehen, was wird…

    Bei Vogue spricht man ja von Rauswurf. Die Gründe werden wir
    nie erfahren. Aber vielleicht weiss ja die Gala in der kommenden Woche mehr. Die haben ja immer Informanten. 🙂

    Es ist auf jeden Fall schade, da ich immer dachte, dort ist die Welt noch in Ordnung. Ob er wirklich zu Dior geht, weiss ich nicht. Wenn ja, dann wäre es wieder ein Schritt in die Galiano-Richtung. Die beiden sind eine Generation. Manches Mal sind ähnliche Ansätze bei beiden zu erkennen. Es wäre spannend.
    Es würde aber auch zeigen, dass der vielbeschworene Minimalismus von RS vielleicht doch nicht so zugkräftig war, wie man es nach aussen verbreitetet hat. Es wäre ja dann eher ein „back to the roots“ zu den 90er und 2000er Jahren.
    Den Loewe-Mann, ich weiss nicht, den finde ich überschätzt und er ist ja irgendwie auch erst 12. Er soll zuerst Abitur machen und dann klein anfangen.

  • PeterKempe
    30. Oktober 2015 at 12:25

    @Serven Geht mir genau so wie Dir! Hat mich auch mehr getroffen und der Minimalismus von Raf war auch in einigen Bereichen ein Problem bei Dior. Der Loewe-Mann ist sicherlich für Dior auch kein Thema, weil er diesen Mega Apparat aufgrund seiner Persönlichkeit sicher nicht über Jahre wuppen würde. Seh‘ ich genau wie du …

    @Monsieur_Didier Du weißt, dass ich mit solchen Begriffen vorsichtig und mit Respekt umgehe und der Zusammenhang zeigt das auch!

  • Horst
    30. Oktober 2015 at 13:22

    @Serven Die Gala hat sich in Paris bei Palastinsidern „umgehört“, oder? 😉
    Ich würde mich freuen, wenn Elbaz zu Dior geht.

  • Serven
    30. Oktober 2015 at 17:49

    @ Horst

    Ja, genau die Palastinsider meine ich. Und die (Insider) haben natürlich noch Zugang zu ganz anderen Dingen…
    Warten wir auf kommenden Donnerstag! 🙂

  • Monsieur_Didier
    30. Oktober 2015 at 19:51

    …@ Peter: …ja, absolut, ich weiß, dass Du ein sehr wertschätzender, sensibler Mensch bist und das habe ich in meinem kleinen Kommentar auch versucht, zu schreiben bzw. auszudrücken…
    ich habe Respekt für jeden Menschen, der sich selber wichtig genug ist zu erkennen, wenn das Karussell beginnt, sich zu schnell zu drehen…
    John Galliano, den ich sehr verehre, hat es nicht erkannt…
    seine Äußerungen, die sehr unschön waren, waren meiner Meinung nach ein Hilferuf…
    da gab es „Kollegen“ von ihm, die sich ziemlich uncharmant und unschön geäußert haben…
    nicht jeder hat diese Härte gegen sich selbst, und diese Härte zu haben ist auch nicht immer das schönste…
    sei’s drum: besser für RS, dass er abgesprungen ist, bevor er vom Karussell geschleudert wurde…!

  • Monsieur_Didier
    31. Oktober 2015 at 14:30

    …viele kluge Gedanken, die sehr viel erklären:
    http://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/designer-alber-elbaz-verlaesst-modeunternehmen-lanvin-13881228.html

  • Die Woche auf Horstson – 44/2015 | Horstson
    1. November 2015 at 12:59

    […] Simons verlässt Dior. Ob es einen Zusammenhang zu einer weiteren Veränderung gibt – Alber Elbaz verlässt Lanvin – ist hingegen (noch) nicht bekannt. Sehr lesenswert sind übrigens auch die […]

  • Serven
    1. November 2015 at 14:11

    Hat eigentliche noch einer aufgehört?
    Das Cover der italienischen Vogue vom Oktober ist von Mert und Marcus und nicht mehr von Steven Meisel.
    Weiss da jemand mehr?