Interview

Stephen Dorff im Interview

Ob als einsamer Einsiedler im „Chateau Marmont“ oder Symphatieträger im Nahost-Drama „Zaytoun“ – Stephen Dorff war nie weg und feiert doch nach über dreißig Jahren Showbusiness sein Revival als Charakterdarsteller. Wie kann das sein? Ein Gespräch über Abenteuer, Freundschaft und die richtigen Kontakte …

Wie geht`s dir?
Vielen Dank der Nachfrage, mir geht es soweit ganz gut. Ich bin momentan viel in Manhattan unterwegs und breche in den nächsten Tagen auf nach Peru.

Peru?
Wir stecken mitten in den Dreharbeiten für ein neues Filmprojekt. Wenn ich hier fertig bin, geht es sofort weiter nach Südamerika.

Wettertechnisch bestimmt angenehmer als Deutschland.
Vermutlich (lacht). Ich war noch vor ein paar Monaten länger bei euch unterwegs. Deutschland ist doch eigentlich ziemlich klasse, oder?

Heikles Thema, gerade bei anhaltendem Regen.
Lass uns lieber über deinen neuen Film „Zaytoun“ sprechen: 1982, Bürgerkrieg in Beirut. Ein Pilot stürzt beim Einsatz ab, überlebt um Haaresbreite und flieht mit einem verfeindeten Jungen aus dem Krisengebiet.
Wie bist du auf das Skript gestoßen?

Mir wurde das Drehbuch vor geraumer Zeit von meinem britischen Management empfohlen und schon beim ersten Blättern war ich Feuer und Flamme. Klar, ich war ziemlich aufgeregt und habe mich gefragt, warum wollen die gerade mich? Als ich dann Eran Riklis (Anm. d. Red.: Regisseur von „Zaytoun“) erstmals in New York traf, zeigte er mir ein Foto des Protagonisten auf dem die Geschichte beruht. Er sah mir verdammt ähnlich und wäre die Aufnahme nicht aus seinen College-Zeiten gewesen, sie hätte durchaus von mir sein können. Zusätzlich konnte ich mich gut in die Rolle einfühlen, weil auch ich jüdische Vorfahren habe. Obwohl ich nie besonders religiös erzogen worden bin, war ich mir immer meinen Wurzeln bewusst und fand das Thema des Films vielversprechend.

Was kam als nächster Schritt?
Nach dem ersten Kennenlernen habe ich mich mit einem tollen Team auf die Dreharbeiten vorbereitet: Pilotentraining bei der Airforce, Recherche mit Soldaten und Geschichtsexperten und schließlich der Beginn der Dreharbeiten in Israel. Wir haben beinahe vier Monate dort verbracht und es war einfach unglaublich.

Wie war die Atmosphäre am Set?
Die ersten Tage waren eine echte Herausforderung für mich, denn im Team wurden die unterschiedlichsten Sprachen gesprochen. Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich natürlich daran und kann sich so auch besser an die Stimmung in Israel anpassen.

Was macht den Film so besonders?
Definitiv die Komplexität der Handlung: Der Film porträtiert zwei Feinde, die sich zutiefst hassen. Sie hegen nicht nur Groll gegeneinander, sondern leben jeweils in einem gegnerischen Gefecht, dem sie nur durch eine waghalsige Reise entkommen. Ganze drei Wochen dauert es, bis sie sich endlich annähern und gegen Ende des Films kann man sogar von einer tiefen Freundschaft sprechen.

Standardfrage: Wie entwickelst du Emotionen am Set?
Glücklicherweise hatte ich nie ein Problem mit Emotionalität, das macht die Sache einfacher. Es ist ganz gleich, ob ich einen skrupellosen Cop spiele oder einen einsamen Gast im Hotel „Chateau Marmont“, Filmcharaktere fordern eine große Spannbreite an Individualität und emotionaler Vielfalt. Aus diesem Grund musst du dich anpassen, einfühlen und immer wieder neu orientieren. Nur selten passiert es, dass Regisseure Teile meiner eigenen Identität mit in die Rolle einfließen lassen.

Welche sind das?
Bei „Zaytoun“ ist es das Zwischenspiel von Fröhlichkeit, Hoffnung und Melancholie. Gerade gegen Ende des Films wird ein bitterer Beigeschmack deutlich: Happy-End? Fehlanzeige! Der Pilot Yoni muss mit der Gewissheit leben, dass er seinen Freund Fahid vielleicht nie wieder sehen wird. Wochenendbesuche? Ausgeschlossen!

Es scheint, als hätte dich der Film auch im Nachhinein ziemlich beschäftigt.
Ich bin noch immer überwältigt von seiner Realitätsnähe. Exemplarisch gesehen, hätten diese beiden Personen aus jeder erdenklichen Glaubens- und Lebensrichtung stammen können. Es besteht soviel Angst und Hass zwischen den Kulturen unserer Welt, „Zaytoun“ bietet eine kleine Verbindung zu diesen Menschen. Ein Stück Hoffnung für alle. Das ist genau der Grund, warum ich es liebe, Filme zu drehen.

Der stolzeste Moment deiner Karriere?
Ich habe im Laufe der letzten Jahre enorm viel Glück gehabt und immer wieder tolle Filme drehen dürfen. Das Beste ist, dass ich regelmäßig Arbeit habe und so ein angenehmes Gefühl von Sicherheit verspüre. Sofia (Anm. d. Rkt.: Sofia Copolla) hat mir 2010 einen neuen Anstoß gegeben und mit „Somewhere“ mein Interesse an tiefgründigen Charakteren verstärkt: Ich hatte endlich mal wieder die Chance, verschiedene Facetten einer Rolle zu zeigen. Nicht, dass Filme wie „Blade“ keine Herausforderung waren, aber der Zuschauer konnte endlich mal wieder erkennen, dass ich durchaus auch über eine Seite mit Humor und Witz verfüge (lacht). Diese Zeit war sowohl beruflich als auch privat ein Wendepunkt.

Wie hast du diesen Wechsel wahrgenommen?
Sofia hat mir einen beachtlichen „Coolness-Schub“ verpasst und plötzlich war ich Teil von ihrem angesagten Lifestyle: Wir haben einen tollen Film abgeliefert und auf einmal bist du wieder mittendrin. Die Rollenauswahl weitet sich aus und auch die Modemeute zeigt wieder Interesse an einem. Einerseits habe ich kommerzielle Angebote angenommen, andererseits habe ich die Chance genutzt, mich kreativ auszutoben: Projekte wie „Zaytoun“ machen mich dabei besonders stolz.

Hört sich nach einer arbeitsintensiven Zeit an.
Das kann man wohl sagen. Ich weiß nicht, wann ich in den letzten Monaten mal ein paar ruhige Minuten hatte. Das fängt bei der Arbeit am Set an, geht nahtlos bei Mode- und Werbeveranstaltungen weiter und endet im Flugzeug zum nächsten Festival. Nebenbei startet das nächste Filmprojekt, Skripte werden gesichtet und der Kreislauf startet erneut. Es klingt vielleicht verrückt, aber ich mag diese Art von Abenteuer. Bloß in Studios drehen statt rauszugehen? Viel zu langweilig.

Wie sieht dein Freizeitprogramm aus?
Ich genieße die Zeit nach den jeweiligen Dreharbeiten so vielfältig wie möglich: mal setze ich mich ans Klavier und schreibe neue Songs oder ich kümmere mich um die Ausreifung von eigenen Filmideen. Ich liebe ich es Musik zu machen, das liegt wohl an meiner musikbegeisterten Familie. Natürlich reise ich auch, gehe shoppen und mache im Auto die Gegend unsicher.

Autofahren als Hobby?
Gerade bei meinem Job werde ich pausenlos chauffiert und das eigene Fahren wird zur Ausnahme. Du vergisst beinahe wie es sich anfühlt, selber hinter dem Steuer zu sitzen (lacht). Wenn ich zuhause bin, setze ich mich also in mein Auto, drehe die Musik auf und entspanne.

Was bedeutet Luxus für dich?
Das Wichtigste überhaupt ist das Leben an sich: Gesundheit und Freude sind meiner Meinung nach der größte Luxus, den man haben kann. Wenn du krank oder unglücklich bist, bringt dir kein Geld der Welt Zuversicht. Du kannst Millionen auf dem Konto liegen haben, aber ein Garant für Freude und Glück sind sie nicht.
Es gibt durchaus Sahnehäubchen, die das Gefühl von Luxus verstärken: losziehen können um sich zu kaufen, was man will, ist bestimmt ein erstrebenswerter Aspekt.
Das Gefühl von wahrem Luxus kommt jedoch von innen.

Wir sind ein Modeblog: interessierst du dich auch privat für Mode?
Absolut, ich habe mich schon immer für Mode interessiert. Gerade der Hype um „Somewhere“ hat mir einen immensen Schub im Modezirkus verliehen. Ich war das Gesicht von Hogan, arbeite aktuell an einem neuen Parfum und bevorzuge es mittlerweile sogar, mich klassisch zu kleiden. Sofia und ihre Stylistin kamen schon in den ersten Tagen von „Somewhere“ auf mich zu und fragten relativ nüchtern, was für eine Jeans ich denn bitte anhätte? Ich hatte also überhaupt keine andere Wahl, als meinen Look auszubreiten und Veränderungen zuzulassen. Heute bin ich froh über deren professionelle Hilfe und kleide mich gerne mal in Gucci oder Band of Outsiders.
Endlich werde ich auch wieder von interessanten Modefotografen abgelichtet (lacht).

Was heißt denn wieder?
Ich habe bereits als junger Mann mit Profis wie Mario Testino zusammen arbeiten dürfen und jetzt, nach vielen Jahren, treffen wir uns wieder. Es ist eigentlich ziemlich amüsant, dass ich wieder Cover und Fotostrecken ziere und Patrick Demarchelier auf mich zukommt um Fotos von mir zu machen. Im Laufe der Zeit sind wir eher zu Freunden geworden und plötzlich gibt es doch nochmal ein großes Wiedersehen vor der Kamera.

Gibt es irgendeinen Rat, den du rückblickend gerne zu Beginn deiner Karriere gehört hättest?
Manchmal habe ich natürlich Bedenken, nach so vielen Jahren als Schauspieler etwas verpasst zu haben: Vielleicht ein ganz anderes Leben? Was hätte ich erlebt, wenn ich heute in einer Bäckerei in Berlin arbeiten würde? Allgemein kann ich nur den Rat weitergeben, dass man die Dinge nehmen muss, wie sie kommen. Ich feiere bald meinen 40. Geburtstag und bin sehr glücklich über mein Leben. Ich blicke zuversichtlich in die Zukunft und hoffe auf die nächsten vierzig Jahre.

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  • Daisydora
    15. November 2013 at 10:23

    @Julian Gadatsch

    Mein Kompliment, Julian Gadatsch, ich finde es super! 🙂 … und hoffe sehr, Du schreibst öfter was für Horstson und seine / unsere Leser! Daisy

  • Siegmar
    15. November 2013 at 15:09

    gutes Interview, sehr gut aussehender Mann, ich glaube aber das ich noch nie einen Film mit ihm gesehen habe, leider

  • Die Woche auf Horstson | Horstson
    17. November 2013 at 12:08

    […] Horstson-Woche: 1) Am Freitag gab es einen Gastbeitrag von Autor Julian Gadatsch auf Horstson. Er interviewte den Schauspieler Stephen Dorff. Ich hoffe wir bekommen hier bald noch mehr von Julian zu lesen. 2) In dem Magazin Quintessence, […]