Kunst

Pariert in Riehen: Der Blaue Reiter

(Franz Marc
, Blauschwarzer Fuchs, 1911 
Öl auf Leinwand, 50 x 63 cm; 
Von der Heydt-Museum Wuppertal 
Foto: © Medienzentrum, Antje Zeis-Loi / Von der Heydt-Museum Wuppertal)

„Na, der scheint mich aber zu verfolgen“, denke ich mir, als ich noch etwas urlaubslethargisch mein Mailfach öffne und Rat von Unrat sortiere. Es geht um die Ankündigung einer großen, vermutlich phänomenalen Ausstellung in der Fondation Beyeler: „Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter“ – ganz bestimmt kein Unrat. Mit „der“ meine ich natürlich etwas salopp ausgedrückt die Künstlerbewegung samt gleichnamiger Münchner Ausstellung aus dem Jahr 1911.

Zuletzt hatte ich die berühmte Sammlung Der Blaue Reiter im Lenbachhaus gesehen, Louis Vuitton hatte eingeladen und so streunte ich durch die elf Räume im Obergeschoss, entdeckte Wassily Kandinsky, Franz Marc, Paul Klee und Gabriele Münter neu für mich. Wobei: Arbeiten von Marc hatte ich Anfang letzten Jahres noch im Kunstmuseum Bonn sehen dürfen, „August Macke und Franz Marc – Eine Künstlerfreundschaft“. Damals bin ich kurz vor Toresschluss durch die Ausstellung gedüst, einzig Marcs ikonischer Tiger ist mir dabei in Erinnerung geblieben. Ein stückweit Blauer Reiter sozusagen. Ähnlich tieraffin reicht meine Assoziation vom Blauschwarzen Fuchs, den ich jetzt als Header in der Medienmitteilung der Fondation Beyeler wiederentdecke.
Der Blaue Reiter Riehen 2
Wassily Kandinsky, 
Fuga, 1914 
Öl auf Leinwand, 129,5 x 129,5 cm
; Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler; 
Foto: Robert Bayer, Basel

Jahrelang habe ich ihn versucht zu deuten. Tagein, tagaus habe ich ihm bei meinem Aufsichtsjob im Wuppertaler Von der Heydt-Museum einen Guten Morgen und Feierabend gewünscht – bis heute fasziniert mich diese Arbeit immens. Klar, bei Franz Marc heißt es beinahe synchron von allen Seiten „Blaues Pferd I“, ich habe mich jedoch immer schon eher für das Füchschen interessiert. Nach einiger Recherche fällt indes auf, dass der Blaue Reiter in den letzten Jahren verflixt umtriebig war (schon wieder diese verlockende Personifizierung): Den Haag, Japan und Wien sind nur einige nennenswerte Stationen.

Zum ersten Mal seit 30 Jahren widmet sich nun eine umfassende Ausstellung in der Schweiz dem – meiner Meinung nach – spannendsten Kapitel der modernen Kunst. In Riehen, unweit von Basel, wird ab dem 4. September 2016 dem interessierten Publikum ein Einblick in die Arbeit einer Gruppe avantgardistischer Künstler geboten. Allen voran Wassily Kandinsky, von dem mehrere Werke in der Fondation Beyeler ihr Zuhause gefunden haben. Zudem wurde selbstverständlich Franz Marc miteingebunden – die beiden Künstler hegten eine besondere Freundschaft und deren Begegnung gilt bis heute als gleichermaßen wichtiger und folgereicher Punkt in der Geschichte der Kunst.
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Die Fondation Beyeler im Frühling; Foto: Mark Niedermann

Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter? Wie bringt man diese Namen zur näheren Erläuterung zusammen, ohne Umschweife und Platz für ausufernde Seitenstränge? Man nehme den gleichnamigen Almanach Der Blaue Reiter, der von den beiden Künstlern erfunden und herausgegeben wurde. 1912 erschien das Jahrbuch und erwies sich aufgrund der Vielzahl zusammengetragener Bilder und Texte aus unterschiedlichen Kulturen und von verschiedenen Künstlern als absolutes Novum dieser Zeit. Internationalität und Offenheit vereinten sich unter dem Titel, eine Künstlerbewegung im vollen Gange.

Zweck und Hintergrund dieser Veröffentlichung? Die Dokumentation eines Epochenumbruchs der Künste zu Beginn des 20. Jahrhunderts! Die beiden Künstler revolutionierten die abendländische Kunstauffassung, nein: Sie veränderten das Bewusstsein des Publikums, der Konsumenten und Künstler. Sie hinterfragten damals das starre Bild, die Abbildung sichtbarer Wirklichkeit, und boten der Verbildlichung geistiger Fragen einen Platz in ihrer Sammlung. Mit diesem Schritt, dem Blauen Reiter, sorgten sie für einen Wendepunkt in der damals vorherrschenden Kunstwelt, bildhaft dargestellte Abstraktion zog ein und prägt bis heute die Folgegenerationen von Malerinnen und Malern.
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Die Fondation Beyeler, erbaut von Renzo Piano; Foto: Todd Eberle

Neben der Publikationstätigkeit der beiden Künstler organisierten sie im Vorjahr und 1912 jeweils eine Ausstellung in München, die neuartige Zusammenführung und Präsentation wurden anhand verschiedener Arbeiten dem Publikum vermittelt – Ausstellungen in innerdeutschen und europäischen Städten folgten. Hierbei wurde und wird bis heute die Malerei zwischen 1908 und 1912 fokussiert. Die ausgestellten Künstler waren, neben Kandinsky und Marc selbst, wichtige Wegbereiter der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts.

Hierbei ist es wichtig zu erwähnen, dass die befreundeten Künstler mit ihrem Almanach in erster Linie die Vielfalt von Kunst in einem redaktionellen Format bündeln und präsentieren wollten, eine Künstlervereinigung war nicht ihrer Absicht. So beinhaltete das Buch „die neueste malerische Bewegung in Frankreich, Deutschland und Russland und zeigt ihre feinen Verbindungsfäden mit der Gotik und den Primitiven, mit Afrika und dem großen Orient, mit der so ausdrucksstarken ursprünglichen Volkskunst und Kinderkunst, besonders mit der modernen musikalischen Bewegung in Europa und den neuen Bühnenideen unserer Zeit“ (Marc 1912, Text zum Subskritionsprospekt).
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Der Park der Fondation Beyeler im Frühling; Ellsworth Kelly, White Curves, 2001, und Alexander Calder, The Tree, 1966 
© Ellsworth Kelly; Calder Foundation, New York
; Foto: Mark Niedermann

Ich für meinen Teil bin fasziniert von dem Weitblick und der Offenheit dieser avantgardistischen Künstlergruppe – vor über Hundert Jahren war deren Blick von Internationalität und dem Wunsch nach Gleichberechtigung (der Kunstformen) geprägt, ein mehr als lobenswerter Gedanke, gerade in heutigen Zeiten. Vor Ort in Riehen werden circa 70 Werke zu sehen sein, der Almanach wird ebenfalls vorgestellt und Werkgruppen Kandinskys und Marcs veranschaulichen die Revolution der damaligen Zeit.

Die Fondation Beyeler lockt zudem mit spannenden Veranstaltungen und Persönlichkeiten, welche programmatisch eingebunden werden: Während ich vor zwei Jahren plötzlich neben Marina Abramovic stand und sie hautnah erleben durfte, war im Vorjahr Hollywoodikone Udo Kier zur Lesung eingeladen. Für den 23. November 2016 (19 Uhr) steht eine Lesung mit Daniel Brühl und Ulrich Tukur an. Schade, das Hamburg so verflixt weit entfernt ist, sonst würde ich den Termin sofort im Kalender notieren. Anlässlich der Ausstellung werden die beiden Schauspieler aus dem Briefwechsel von Kandinsky und Marc lesen.

Wenn ich es schon nicht zur Lesung schaffen sollte, werde ich auf jeden Fall zwischen dem 4. September 2016 und dem 22. Januar 2017 für die vielversprechende Ausstellung vorbeischauen. Ihr auch? Anbei ein paar Impressionen (zusätzlich auch von der schönen Parkanlage rund um die Fondation) und in den nächsten Wochen geht’s kulturmäßig in Venedig weiter. Ich nehme euch mit auf die Architekturbiennale…

Fondation Beyeler
Baselstrasse 77
CH-4125 Riehen
www.fondationbeyeler.ch

Öffnungszeiten:
Täglich 10:00 – 18:00 Uhr
Mittwochs bis 20:00 Uhr

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  • PeterKempe
    22. August 2016 at 15:39

    Wunderbarer Bericht über einen meiner Lieblings Künstlergruppen! Vielen Dank, lieber Julian…