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It’s Milano Babe – Rhizomatic Scores by Alessandro Michele

FW16 LONDON FASHION WEEK
Bild: Courtesy of Gucci

Letzte Woche gab François-Henri Pinault, CEO von Kering, die Ergebnisse der französischen Markenholding bekannt und lobte, dass Gucci auf einem guten Weg ist. Die Ergebnisse haben sich verbessert und das Potential von Gucci sei immens. Das ist für einen Wirtschaftsboss schon sehr viel, denn meistens bedeutet schweigen schon ein Lob. Also gute Aussichten für den Mann, der aus einer ganz anderen Welt kommt, nämlich einer Welt der intelligenten Kreativität und der Energie, mit seinen Visionen die komplette Marke umzudrehen: Alessandro Michele.
Und so war es auch Michele, der mit der Herbst/Winter-Kollektion 2016 den Auftakt für die Mailänder Schauen machte.
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Bild: Courtesy of Gucci

Gleich vorweggenommen: Er hat dieses in einem regelrechten Happening und Paradestreich erledigt. Die Vogue konstatiert treffend, dass Michele ganz anders tickt, als der Mann, der Gucci in den 90er-Jahren zum Triumph und Comeback führte. Tom Ford konnte mit cooler „Sexyness“ punkten, wohingegen Michele durch einen warmen Charakter überzeugt. Sein Trumpf ist der Hang zu Philosophie, Kultur und Bildung und dass er keine Angst vor Farben und Gegensätzen hat. Er prägt ein neues Bild von Gucci, das zwischen Renaissance im Stil von Sforza und Medici und der „Gipsysetterin“, einem Gemisch aus Vintage und Jetsetterin, tendiert.
Michele ist ein romantischer Dadaist. Das ist vielleicht der treffendste Ausdruck, wenn man seine eigenen Kollektionsphilosophien liest, die sicherlich auf den einen oder anderen Journalisten verstörend und unverständlich wirken. Aber das ist halt so, wenn ein Mensch mit Tiefgang, umfassender kultureller Bildung, Sammler und Romantiker in einer Branche, die uns meistens Oberflächliches und Einfaches für schlichte Gemüter vorsetzt, am Werk ist.
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Bild: Courtesy of Gucci

Michele will etwas bewahren und weiterentwickeln, wofür er das Medium ‚Mode‘ benutzt. Sein Ansatz ist aber ein ganz anderer, als der seiner Kollegen. Michele verbindet Bereiche wie Porzellan, Interieur, Modegeschichte, Theater und Oper mit dem Zusammenklang von Gedankenwelten der Philosophie. Der Italiener sieht Gucci gesamtheitlich. Obwohl er die Codes der Marke verwendet, kommen die meisten Einflüsse tief aus dem heraus, was ihn als Mensch ausmacht. Jedes Teil ist ein Fest, das eine Geschichte erzählt und Gedanken miteinander verbindet, die gar nichts mit Kleidung zu tun haben. Seine Ausdrucksformen sind Stoffe, Muster, Farben oder Stickereien …
Zusätzlich arbeitete Michele diese Saison mit dem Künstler Trouble Andrew zusammen, dessen Artworks auf Stoffe, Taschen etc. umgesetzt wurden. Trouble Andrew hat vor drei Jahren ein Halloweenkostüm getragen, das er mit einem eigenen „Guccigram“ versah. Michele ließ sich davon inspirieren und verwandelte es in echtes Gucci. Zusätzlich war Andrew Trouble auch für die künstlerische Umsetzung des Bühnenbildes zuständig.
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Bilder: Courtesy of Gucci

„Um etwas zu verändern muss man in verschiedene Richtungen denken“ – einfach gedacht, beschreibt das Alessandro Micheles Designphilosophie. Doch der Designer hat eine weit ausschweifendere und vor allem tiefgründigere Erklärung dafür, die sich an den Theorien der Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari orientiert: Warum einfach, wenn es auch schwer geht? Sein Denken ist „rhizomatisch“, das heißt, dass sein Denken weder ein Zentrum noch eine eigentliche Orientierung kennt. Es entwickelt sich unkontrolliert. Die Referenz ist das ‚Rhizom‘, also ein Wurzelgeflecht, das sich horizontal durch den Boden schlängelt und sich immer wieder verästelt …
Ein Grundgedanke, der Alessandro Michele beim Entwurf der Kollektion für Herbst/Winter 2016 prägte.
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Bilder: Courtesy of Gucci

Jedes Kleid porträtiert unterschiedliche Zeichensysteme und verbindet sie, indem es vielfältigen gleichberechtigten Wegen folgt. Dabei spielen Einflüsse aus der Gucci-Heritage, wie der Tennispullover mit farbigen Bündchen, genauso zusammen mit Chiffon von Roben, die Erinnerungen an Pucci wach werden ließen. Viktorianische Ärmel und Medici Schmuck zu schlichten Uni Stoffen; Yves Saint Laurents starkfarbige Pelze feiern mit monochromen Outfits und Strumpfhosen Wiederauferstehung – Eleganz, aber mit Brüchen. Wunderkammer Elemente, wie Schlangen und Symbole der Freimaurer, elisabethanische Stickereien und Barockelemente, Zitate aus päpstlichen Ornamenten – Michele weiß die Kunstgeschichte genauso in textilen Techniken umzusetzen, wie die Farbcodes des Biedermeiers.
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Bilder: Courtesy of Gucci

Seine Mode will, so beschreibt er, „[…]die Tiefe des Undenkbaren zelebrieren!“
Michele will das Ungewohnte so zusammenbringen, dass es einen anderen Weg geht. Dabei setzt er auf starke Farbigkeit, Muster im Stil von Roberta de Camerino Muster und Zitate der italienischen Modekultur. Lederjacken erscheinen wie grundierte Leinwände, auf denen Künstler ihre Gemälde komponieren wollen. Epochen verschmelzen: Mäntel in Mustern der 70er-Jahre gibt es ebenso wie florale Jugendstilprints der Wiener Secession. Glamour trifft auf Einfachheit und die Zitate mischen sich bei Hahnentritt Hosenanzügen im Rive-Gauche-Stil mit Gucci-Ikonen der Sechziger.
Bei den Accessoires Mary Janes und Plateaus bei den Schuhen; die Taschen mehr in grafischen Motiven, Bleu-Blanc-Rouge-Streifen, Patchwork oder „Guccigram“ von Trouble Andrew.
FW16 LONDON FASHION WEEKGucci Fall Winter 2016 2017 Women London Fashion Week Runway_4004
Bilder: Courtesy of Gucci

Die Kollektion setzt genau die Linie fort, die Micheles ureigene Handschrift ist. Gleichzeitig entwickelt sich eben diese Handschrift deutlich weiter – zum Leidwesen aller Kritiker, denn nach wie vor teilt der Designer die Modegemeinde in zwei Hälften. Ein Phänomen, das wir auch bei seinem Kollegen Hedi Slimane beobachten können. Der Winter bei Gucci spielt immer noch mit Elementen wie der römischen Schlange, Tiger, Panther und Co., allerdings verwendet Alessandro mehr flamboyante Unis und weniger Toile-de-Jouy und Brokate. Die farbigen Strumpfhosen werden sicherlich nicht nur bei Gucci im nächsten Herbst für eine große Nachfrage sorgen, sondern setzten bereits jetzt einen wichtigen Trend.

Alessandro Michele ist eine ganz andere Art von Designer; jemand, der sehr privat wirkt, sehr zugänglich, dem Leben und dem Genuss, immer mehr zu lernen, zugewandt. Michele ist ein Mensch, der den Dingen der Kultur auf den Grund geht; jemand der sammelt, träumt und Mode, trotz allem Business, eine Facette gibt, die jede Schau wie ein Festmahl für die Augen werden lässt. Solchem Zauberer erliegen hoffentlich noch lange auch Menschen wie François-Henri Pinault, denn nur so hat die Mode die Chance, das weiterzuentwickeln, wofür sie geschaffen ist: uns zu unterhalten und zu verzaubern …

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  • Siegmar
    26. Februar 2016 at 16:01

    Toller Bericht über den Wandel bei Gucci, dem ich anfänglich sehr misstrauisch gegenüber stand. Michele Sichtweise find ich faszinierend und bringt mich immer wieder zum nachdenken über seine Ansätze. Seine Mode ist toll und auch tragbar und ganz wichtig, sie verkauft sich.

  • thomash
    27. Februar 2016 at 03:42

    Alessandro Micheles Arbeiten sind fantastisch! Wenn man sie live sieht, gewinnen sie noch mal mindestens um das fünffache und Kempes Bericht ergründet diese Faszination bis in die Tiefe. Bin sehr begeistert. Danke : -)

  • Markus
    28. Februar 2016 at 13:56

    eine feinfühlige Auseinandersetzung geschrieben von einem wahren Meister für einen wahren Meister!
    Danke für die wunderbaren Herleitungen und Anmerkungen!

  • vk
    28. Februar 2016 at 17:06

    mann mann mann mann mann mann, datt geht ja wirklich ab. michele hat grandios zu sich selbst und auch zu mir gewfunden. her mit rueschchenschleife und flatterrock auf meinen stachelbeinen! endlich! ich will!
    slimane hat die farben endeckt. yes! und prada explodiert. herrlich!
    watt geht da gerade ab? das ist die frage. und ich hab keine antwort, ausser ‚i like, like, like‘. alle als haetten sie sich ne ordentlich verpanschte ladung etro und dries durch die nase gezogen. und nett pumpt der psychodelic rock mal inependent leiser und mal rkoi lauter. sensationell! keine ahnung was das soll. aber ich glaube, ich hatte seit den 80ern – gianfranco ferre et al – nicht mehr soviel spass beim bilder gucken.

  • Die Woche auf Horstson – KW 08/2016 | Horstson
    28. Februar 2016 at 17:23

    […] hier unser Wochenrückblick … 1) Alessandro Michele entwickelt seine Handschrift in der Fall/Winter-Kollektion für Gucci deutlich weiter – zum Leidwesen aller Kritiker, denn nach wie vor teilt der Designer die Modegemeinde in zwei […]

  • vk
    28. Februar 2016 at 17:23

    uebrigens durfete ich dieses wunderbare bild heute morgen im prado von madrid schauen https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c2/Georges_de_La_Tour_016.jpg
    wer will, drueckt auf vergrosessern und blickt auch famose klamottendetails. plus die dreckigen fingernaegel des gutglaeubigen und schoen betuchten jungen herren.
    ‚eternal love‘ wie peter sagt.