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Gucci Herbst/Winter 2017: Der Garten des Alchemisten – ein anti-modernes Labor

(Gucci Herbst/Winter 2017; Bild: Courtesy of Gucci)

Erstmals zeigte Gucci, wie bereits im letzten Jahr angekündigt, seine Damen- und Herrenkollektionen für die Herbst/Winter-Saison zusammen in einer Schau. Für Alessandro Michele logisch und bei seinem Konzept auch plausibel, denn seine Mode folgt bei Männern und Frauen dem gleichen Designkonzept. Hinzu kommt, dass sich der Italiener geschlechterübergreifend inspirieren lässt. Der Gucci-Designer gilt als einer der Trendsetter, bei der Vermischung von weiblichen und männlichen Attributen und steht wie kein anderer für die Opulenz, die sich hemmungslos bei der Kostümgeschichte, den Gucci-Archive und scheinbar auch dem Fundus der Opern- und Theaterbühnen bedienen.

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Alessandro Michele wildert zum Teil in der italienischen Renaissance, den Mythen und Sagen Italiens und in der Kunst der Kupferstiche. Hommagen an die italienischen Alta-Moda-Häuser wie Capucci, Roberta di Camerino oder auch der französischen Legende Yves Saint Laurent werden bei ihm in vielen Details zitiert. Doch was am ehesten ins Auge fällt, ist Alessandro Micheles Motto, für das er seit seinem Antritt bei Gucci im Jahr 2015 steht: „Darf es etwas mehr sein?“
Opulenz, die intelligent hergeleitet wird, und die Alessandro Michele scheinbar die Freiheit gibt, alles Miteinander zu vermischen und zu kombinieren. So wirken die Entwürfe auf den Laien vielleicht auch verstörend und mancher spricht sogar bitterböse davon, dass es wie Dauerkarneval in der Mode wirkt. Dafür gibt es jedoch Medien, die, nicht wie Instagram, Snapchat und Co., nur abbilden, sondern wie Vogue, Harper’s Bazaar oder Onlinemagazine wie Business of Fashion oder uns selbst, die die Kollektion einordnen und erklären. Denn das eine ist die totale modische Freiheit, aber Alessandro Michele kalkuliert natürlich auch mit den Modemagazinen, die in ihren eigenen produzierten Strecken die Einzelteile und Looks in ein natürliches Umfeld stellen. Außerdem sollte – und das möchte ich mal klar betonen – nicht jede Kollektion als Komplettlook getragen werden. Vielmehr gehen Einzelteile in den eigenen persönlichen Stil auf. Auch mit Mode muss man schlau umgehen und ein einzelnes Gucci-Teil erzielt, mit schlichteren Basics kombiniert, oft mehr Wirkung als ein ganzer Look. Egal ob ein Schuh, eine Jacke oder auch nur ein Gucci-Accessoire. Eine Grundregel der Mode ist, ein besonderes Teil nicht durch andere Effekte zu zerstören und zu erschlagen. Macht man das, so wirkt es häufig affig und neureich. Für viele Europäer ist diese Einstellung selbstverständlich, für Asiaten allerdings nicht zwingend. Da Asiaten anders sozialisiert sind, neigen sie zu Komplettlooks. Auch betonen sie oft das Label: Der erste Blick soll umgehend den Designer verraten und man gibt sich statusorientiert – eine Maxime, die in Europa nicht mehr als modern gilt.

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Die Kollektionen von Alessandro Michele überborden nicht nur vor Fantasie. Er hat auch eingeführt, dass es weder Sales gibt, was der Glaubwürdigkeit einer Marke stark zuträglich ist, und das man die Teile, die in den Stores verbleiben, untereinander mischen kann. Für Menschen wie mich ideal, denn ich kaufe pro Saison nur ein paar Teile und so entsteht im Laufe der Zeit eine Historie, die man immer wieder neu kombinieren kann. Alles Maßnahmen, die binnen weniger Zeit nicht nur zur Erneuerung der Marke Gucci führte, sondern auch zu satten Umsatzzuwächsen bei der Kering Gruppe, zu der Gucci gehört. Dass es nicht nur an der Ware liegt, braucht man niemand erklären der schon einmal den Gucci Flagshipstore in der Via Montenapoleone in Mailand betreten hat. Der Service, die Aufmerksamkeit und der Personalaufwand, der dort getrieben und mit dem dort lässig Luxus verkauft wird, sucht seinesgleichen.

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Kaum lief die Herbst/Winter-Kollektion über die Bühne, schon werden die ersten Stimmen laut, dass die jetzt gezeigten Entwürfe eine Variation und Fortsetzung der letzten Kollektionen ist. Viele Beobachter, auch Fachleute, finden, dass es etwas ganz Neues hätte geben müssen. Vielleicht eine ruhigere Linie um die Teile aus den vergangenen Kollektionen besser wirken zu lassen?
Ehrlich gesagt ist das naiv gedacht, denn andere Marken, zum Beispiel Chanel, bleiben auch ihrem Stil treu. Die Ikonen werden in jeder Kollektion leicht variiert, weitergedacht und unter einem anderen Thema gestellt. Genau so verfährt Alessandro Michele auch und stellt den Kunden vor die Wahl, seinen Stil zu mögen und die Wahl zu treffen, oder man mag eben nicht. Dann hat der Kunde ja immer noch die Möglichkeit, sich bei anderen Designern auszutoben.
Die Reaktionen auf Guccis Herbst/Winter-Kollektion 2017 zeigen, dass selbst in der Fachpresse die Meinungen deutlich geteilt sind. Von Anbeginn gab es zwei Lager: Kritiker, die schon mit der ersten Kollektion von Alessandro Michele nichts anfangen konnte. Und es gab diejenigen, die begeistert waren. Was in der Herbst/Winter-Kollektion natürlich fehlt, ist das atemberaubend Neue bzw. das, was die Revolution ausgemacht hat. Die Opulenz wird bei Gucci zur Gewöhnung. Aber das Faszinierende an Alessandro Michele ist, dass es, wenn man tief in seine Welt eintaucht, die einzelnen Teile durch ihren Hintergrund und dem, was im Kopf abgeht, zu leben beginnen. Die Looks sind nur Überblendungen; was zählt ist der Gedanke und die Kreation des Einzelteils, das immer dieselbe Sprache spricht und im Gucci-Rahmen agiert. Aber genau diese Message auch bis zum Endverbraucher zu transportieren und dann in den Alltag zu bringen, dafür braucht es halt eine Einordnung und nicht nur das simple Präsentieren von Trends und das Tragen der Kollektion in Socialmedia-Kanälen.

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Nach einer Exkursion in die Markenphilosophie von Gucci lässt man am besten denjenigen sprechen, der die Kollektionen als Head of Design konzipiert, und der es schafft, Alltagskultur wie Iron-Maiden-Shirts zu adeln, sowie Batmans Flügel in Pullover-Intarsien zu verwandeln. Popkultur mit Hochkultur zu vermischen, die Kindheitserinnerungen eines 43-jährigen Designers, die alle Männer seiner Generation haben, mit asiatischer Kultur, den Opern Puccinis und den Kleidungstücken der Gewichtheber von viktorianischen Jahrmärkten mit den College Schuhen der Mod’s und mit Tennissocken der Achtziger als Crossover zu sehen. Alessandro Michele ist vom Grundsatz ein Träumer aber auch knallharter Realist, wie man es 2017 halt sein muss.

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Alessandro Michele gestattet sich eins, was in Zeiten von genauer Zielgruppendefinition und „möglichst Mainstream machen“ fast ein Tabu ist: Er gibt intellektuelle Kollektionserklärungen ab, die für manchen vielleicht befremdlich wirken, die aber für ihn logisch erscheinen. Mode hat etwas mit der Zukunft zu tun; es geht nicht um Trends, sondern darum, Welten so aufzubereiten, dass sie in die Zukunft getragen werden. Das, was ihm besonders wichtig ist, nennt er „Den Garten des Alchimisten – ein anti-modernes Labor“. Klar, dass „das Gucci“ von Alessandro Michele es schafft, den Käufer modern zu machen, aber nicht mit den plumpen Methoden des Marketing, sondern mit philosophischem Crossover vom Feinsten – eine Metapher, die aus dem herauskommt, was am Anfang unserer christlichen Geschichte steht, ein Garten bzw. das Paradies.

Gucci Herbst/Winter 2017; Bilder: Courtesy of Gucci

Die Herbst/Winter-Kollektion von Gucci ist Feuerwerk an Ideen, das sich aus der eigenen Erklärung von Alessandro Michele ein wenig decodieren lässt. Es erzählt vom Zerlegen, Konstruieren, Zusammenfügen und Schaffen von Neuem. So entstand bei Alessandro Michele die neue Kollektion, die extrem viele Tiere und Pflanzen beinhaltet: Käfer, Blatthornkäfer, Wasserlilien, Larven, Raupen, Rosen, Nachtfalter, Marienkäfer,
Libellen, Veilchen, Heuschrecken, Schmetterlinge, Pfingstrosen, Blätter, Bienen, Ameisen, Fledermäuse, Eichhörnchen, Narzissen, Waschbären, Katzen, Margeriten, Tiger, Wölfe, Ziegen, Schwertlilien, Stiere, Hirschkäfer, Reiher, Uhus, Disteln, Eulen, Glyzinien, Adler, Frösche, Schlangen, Eidechsen und Mohnblumen.

„Es gibt einen Garten voller Pflanzen und Tiere. Ein Garten, der von Zeichen, Symbolen und Archetypen, welche entfernte Welten herauf beschwören, bevölkert wird. An diesem verzauberten Ort spielen neugierige Hände mit der Materie und vermischen sie mit dem Unterbewusstsein.

Sie formen sie mit feinen und freudigen Vorahnungen. Wie in einem alchemistischen Labor werden die Substanzen ausgewählt, analysiert, zerlegt und behandelt. Es handelt sich um einen Schöpfungsprozess, der von langsamen Inkubationen und plötzlichen Epiphanien skandiert wird. Ein Prozess, bei dem die Vorstellungskraft die Trägheit der Realität forciert.

Gleich der Alchimie, die versuchte, Grundstoffe in Gold zu verwandeln, ist das, was hier sichtbar wird, ein kostbares Destillat, Ergebnis eines Transmutationsprozesses der Materie, der sich von Träumen nährt. Ein verwandelnder Strudel, der Fragmente, Codes und Geschichten wieder zusammensetzt und sie auf einen neuen Sinnhorizont projiziert.
Der Garten des Alchimisten ist ein anti-modernes Labor, weil er einige der Prinzipien verleugnet, die einen gewissen szientistischen Ansatz untermauern, der sich durch Starre und Determinismus auszeichnet. Es ist der Ort, wo die tödliche Logik des Nicht-Widerspruchs überschritten wird. Der Ort, an dem die Ambivalenz, als Möglichkeit verstanden, gemeinsam antithetische Erklärungen des Wirklichen aufzunehmen, zelebriert wird. In diesem Rahmen deflagrieren Dualismen (Mann-Frau, Essenz-Erscheinen, Schatten-Licht, Immanenz- Transzendenz, Körper-Geist, Gut-Böse, Innen-Außen), Klassifizierungsansätze und strenge Trennungen.

Es handelt sich um eine Operation, die darauf ausgerichtet ist, die Komplexität der Existenz wieder zu entdecken, wo Überlagerungen und Schattierungen, scheinbare Widersprüche und falsche Antinomien zusammen leben. An sich selbst als Individuen zu denken, impliziert nämlich die Notwendigkeit, viele Einflüsse und Seiten an sich zuzulassen.

Diese Einheit wird gut durch ein Symbol des Alten Ägyptens, den Ouroboros, verkörpert: eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Ein Symbol, das in sich jedes Paradox enthält: Es zerstört und zeugt in einem Prozess der Selbsterneuerung, der das Gegenteil einverleibt.“ Alessandro Michele


Alessandro Michele; Bild: Courtesy of Gucci

Dass Mode oberflächlich ist und die Menschen, die sie machen, auch, ist ein häufiges Vorurteil, was Alessandro Michele allerdings mit Sicherheit nicht verkörpert. Seine Gucci-Interpretation besteht weniger aus Saisons, als aus einer wohlüberlegten, gebildeten Reflexion. Eine Herangehensweise, die sich bis jetzt wenige Designer gewagt haben, in Stoffe, Farben und Materialien umzusetzen. Als Vision für einen Milliardenkonzern schon gar nicht.
Eine mutige Geschichte geht weiter und lässt auf eine spannende Fortsetzung hoffen. Denn die wirkt nur bei Gucci authentisch und das bekommen die zahlreichen Nachahmer und Kopisten nicht hin. Weil der Kopf, der die Vision hat, nicht im Imitieren, sondern in den versteckten Nuancen seine Inspirationen und in der Summe seines persönlichen Lebens findet. Alessandro Micheles Gucci „anti-modernes Labor“ Herbst/Winter 2017 lädt zum Experimentieren ein – aber Aufpassen: Die Dosis macht das Gift.

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8 Comments

  • Reply
    Vk
    7. März 2017 at 13:16

    Super. Mit verbraucherempfehlung: die dosis macht das gift.

  • Reply
    Nobile
    7. März 2017 at 13:20

    tolles Resumee. bestens auf den Punkt gebracht 🙂 Chapeau!

  • Reply
    Karl
    7. März 2017 at 13:38

    Sorry, gefällt mir leider gar nicht. Peter hat sicher recht, alles schön und gut aber das ist mir zu viel Fasching und Durcheinander. Das Geld acht Gucci aber sicher nicht mit der Kleidung sondern mit den Schuhen und Accessoires.

  • Reply
    vk
    7. März 2017 at 15:37

    fuer mich funktioniert es extrem gut. ne art neo rauch meets hieronymus bosch. ich kann mich nicht dran satt sehen.

  • Reply
    Horst
    7. März 2017 at 16:37

    Ich bin da hin- und hergerissen! Klar, alles super, auch die Idee, dass die Kollektion „zeitlos“ ist, sie also in den kommenden Saisons weiter aufbaut, aber es wirkt – bei allem nötigen Respekt – zum Teil dann doch etwas wirr. Vielleicht fehlt mir auch die nötige Muße, mich mit der Kollektion intellektuell auseinanderzusetzen, um sie in ihrer Komplexität zu verstehen. Blomquist war ja im Anschluss der Show im Showroom und war ganz hin und weg und klar – da sind schon flotte Teile mit dabei. Ein Batman-Pulli will man natürlich haben, ähnlich wie so ein vollgekritzeltes Shirt, wie Michel es da oben trägt (den neuen Look find ich übrigens sehr gelungen!! Die Frage ist, ob es eine New York Yankees Koop mit Gucci gibt?).
    Was man ihr aber lassen muss, und da werde ich dann wieder versöhnlich: Mode soll Spaß machen, was Alessandro Michele hier auch eindeutig bewiesen hat. Hoffen wir, dass es niemals Klamauk wird.

    Abgesehen davon war ich mir sicher, dass die Zeit der Band-Shirts endlich vorbei ist 😉

  • Reply
    blomquist
    7. März 2017 at 16:39

    Ich bin durch den Showroom in Mailand gegangen und kam mir vor wie ein kleiner Junge im Bonbonladen- einfach herrlich!

    • Reply
      PeterKempe
      7. März 2017 at 19:37

      Genau so gehts mir auch Blomquist und man findet tausend Zitate aus Filmen und Maerchen und es ist als wuerde der verrückte Hutmacher seinen Schrank aufmachen !

  • Reply
    Gerold
    9. März 2017 at 01:45

    Meric lieber Peter für die tiefsinnige Reflexion einer vielsinnigen Kollektion. Das ich Gucci unter dem Zepter von Alessandro Michele liebe weisst Du ja inzwischen. Für mich ein Schlaraffen Land an dem ich mich nicht satt sehen kann. Man entdeckt immer wieder etwas neues. Wie Du schriebst es wäre seltsam gewesen wenn nun ein bestimmter Purismus oder ein Kehrtwende eingesetzt hätte. Da die Kollektion immer noch die Geister erhitzt ist Gucci’s Revolution ja noch nicht beendet und so wäre es verstörend gewesen etwas anderes zusehen. Die Evolution seines Stils findet ja statt. Ich bin sehr gespannt was wir weiter zu sehen bekommen und es auch kaum erwarten. Nochmals grosses Kompliment für diesen souveränen Bericht!

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