Gesellschaft

Fashion Revolution Week – 18. bis 24. April 2016

Wasser predigen und Wein trinken – so könnte man die Heuchelei beschreiben, die pünktlich zur Fashion Revolution Week wieder weltweit auf Blogs und Magazinen losgetreten wird. Mit einer Träne im Knopfloch wird darüber berichtet, unter wirklich gar keinen Umständen Kleidung zu kaufen, die nicht mindestens komplett politisch korrekt hergestellt wurde. Ein paar Beiträge später zeigt sich dann die Zwickmühle, in der die Akteure stecken: Der Werbekunde und die immer hungrigen Leser müssen befriedigt werden. Ein neues Tagesoutfit muss her, die Seiten des Magazins müssen gefüllt werden. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Die einzige logische Konsequenz wäre es aber, keine Trends zu propagieren, sondern seinen eigenen Stil zu kreieren, mit Teilen, die nicht willkürlich konsumiert werden und nach drei Wäschen im Müll landen. Die Qualität eines Shirts im Wert von 20 Euro ist eben nicht immer waschmaschinentauglich …

Das Mindeste wäre es, darauf hinzuweisen, dass die diversen Discounterketten vielleicht sogar zur Demokratisierung der Mode beigetragen haben, allerdings ausschließlich auf den Rücken von anderen – den Kindern, die vom fernen Bangladesch aus dafür zuständig sind, den Mommy-Bloggern zu neuen Glanz im Fummel zu verhelfen.

Die Macher der Fashion Revolution Week schickten nun für das „Child Labour Experiment“ fünf Kinder aus Berlin in eine Art Feldtest. Die Kinder fragten in Läden und direkt bei den Herstellern nach, ob sie für wenig Geld bei ihnen arbeiten dürfen. Schließlich dürfen das die Kinder in Indien. Die Antwort war klar: „Natürlich nicht! Du bist doch noch zu jung – melde Dich, wenn Du 18 bist!“ – eine Erkenntnis, die sich auch mal in den oberen Etagen rumsprechen sollte.

The Child Labour Experiment

Der Zeitpunkt der Fashion Revolution Week ist nicht zufällig gewählt: Am 24. April 2016 jährt sich der Zusammensturz der Rana Plaza Textilfabrik in Dhaka, Bangladesch. Ein Unglück, das über 1.100 Menschenleben forderte; mehr als 2.200 ArbeiterInnen wurden schwer verletzt.
Noch immer arbeiten alleine in Bangladesch vier Millionen Menschen in der Textilindustrie – also dort, wo unsere Hilfe gebraucht wird. Unser Bewusstsein und Veränderungen in unserem handeln machen dann nach und nach den Unterschied in den Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Mitmenschen.

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

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  • Serven
    14. April 2016 at 16:34

    Es ist allerdings auch etwas naiv, nur auf die Discounter zu schauen.
    Auch wirklich teure und Luxuslabels produzieren unter nicht korrekten
    Bedingungen. Bei den letzten Tests haben auch Firmen wie Hermes
    unglaublich schlecht abgeschnitten.
    Generell kommen z.B. fast 90% von verwendetem Leder aus Indien, unter
    wahnsinnig schlechten Bedingungen hergestellt. Dazu gab es vor
    kurzem eine lange Reportage im Fernsehen. Fast alle Sneakers sind
    aus diesem Leder hergestellt.
    Auch wenn ich ein Chanel-Produkt kaufe, heisst es nicht zwangsläufig,
    dass alle Produktionsbedingungen fair sind.
    Selbst wenn die „Endfertigung“ korrekt abläuft, bedeutet es nicht, dass
    die komplette Fabrikationskette korrekt war. Irgendein Faden, irgendeine
    Schraube in der Nähmaschine etc. war sicher von jemand hergestellt, der
    unter schlechten Bedingungen beschäftigt wurde.
    Diese ganze Sache ist daher auch so eine „Gutmenschen-Sache“, die zur
    Befriedigung der Gemüter dient. Meist reicht es den Leuten darüber zu
    reden. Handeln steht auf einem anderen Blatt.
    Korrekt sein ist heute ein riesiger Geschäftszweig geworden, mit dem
    MIllionen verdient werden. Das ist ein Image. Mit der Realität hat das
    wenig zu tun.
    Ich hatte neulich die Gelgenheit mit einem grossen deutschen
    Produzenten im gehobenen Mittelsegment zu reden. Er meinte, bei
    der Grösse der Produktionen ist es überhaupt nicht möglich, korrekt
    und fair zu produzieren und selbst im Hochsegment ist ein Ausweichen
    nach China oder andere Länder unabdinglich. Er war sehr ehrlich und
    hat mir Dinge erzählt, dass mir fast schwindelig wurde.

    Die Konsequenz für ich ist, alles lange zu tragen. Ich habe viele Stücke
    noch aus den 90er Jahren und muss dabei sagen, dass ein festes weisses
    Baumwollhemd von H&M sich in der Qualität fast ebenso gut verhält,
    wie ein weisses Hemd von Jil Sander oder Prada.

    Ich kaufe viele Pullis auf Ebay aus den 90er Jahren mit dem „Etikett“
    „Made in Italy“ usw.
    ich kaufe viel von kleinen Labels, die nur einige Läden beliefern, also
    ein sehr kleines Sortiment haben und daher die Produktion nachprüfbar
    ist etc.

    Ein Riesenproblem finde ich aber genau so in der Produktion von
    Artikeln im Elektronikbereich oder im Kommunikationsbereich,
    vor allem Computer und Handy. Wer sich damit befasst und mit den
    Lebensumständen der Menschen in den Produktionsstätten würde
    nie mehr ein Handy in die Hand nehmen.

    Bei all diesen offensiven Veranstaltungen geht es Abgrenzungen,
    darum zu zeigen, wie gut man selbst ist, und wie schlecht die anderen
    sind.
    ich denke, es gibt Menschen, die korrekt leben und versuchen,
    möglichst viele Dinge fair zu handhaben. Ich bin mir aber sicher,
    die machen kein Aufheben darum.
    Ich denke, Aufklärung und Nachdenken und Umdenken in diesen
    Fragen und Bereichen ist unerlässlich (auch was die Verwendung
    von Pelz und Leder angeht), aber diese Hyperaktivismus, der dann
    auch schnell wieder erlahmt, schade einer intensiven Auseinandersetzung,
    die über Jahre gehen muss und weitreichende Folgen haben sollte.
    Die Welt wird nicht durch ein paar Gutmensch-Hippster geretter.
    Und vor allem nicht in zwei Tagen.

  • Martin
    14. April 2016 at 21:19

    Guter Kommentar von Serven. Schließe ich mich an