Gesellschaft

Ein (Fashion)Nachmittag in Paris

(Zeichnung: Patrick Vollrath)

Als wir 2002 nach Paris gezogen sind, um dort unser Designbüro zu etablieren, waren wir recht arm. Wir hatten kaum mehr, als unsere Jeans am Leib, den Hund unter dem Arm und ein Mini-Appartement mit knapp 38 qm, das unsere Wohnung und unser Büro war (und noch immer ist).
2002 war eine Zeit des Umbruchs. Alles war neu und alles war aufregend. In Paris lernte man schnell neue Leute kennen und es war immer etwas los. Man vergass rasch, dass man eigentlich kein Geld hatte und im Grunde genommen brauchte man für die wirklichen tollen Dinge eigentlich auch wenig. Meist genügte eine Busfahrkarte nach Saint-Germain in die Grande Épicerie du Bon Marché um vorzüglich zu essen. In den einzelnen Abteilungen der Épicerie gab es Probierstände und nach der zweiten Runde hatte man die besten Köstlichkeiten der Stadt probiert und war satt. Besonders vor Ostern war es immer eine Freude, denn es wurden einem viele Süßigkeiten, wie z.b. frischgemachte Trüffel zum Probieren angeboten.

Um in Form zu bleiben und auch um zu sparen, lief ich meist den Weg nach Hause zurück. Es ist ein Fußmarsch von ca. 1,5 Stunden und man kommt fast durch die ganze Stadt. Paris ist eine Stadt, die man sich erlaufen muss. So lief ich also Richtung unseres Appartements, als mir die Idee kam, mir die neue Margiela-Boutique anzuschauen. Sie hatte damals ein revolutionäres Interiordesign und so ziemlich jeder sprach davon. Es war spektakulär, alles war weiss gestrichen, überall standen alte Möbel, es lagen Stapel mit Zeitschriften herum, auf denen Dinge abgestellt waren. Und alles war weiss. Heute kennen wir das und es haut keinen mehr um, aber damals liess es einem den Atem stocken.

Ich musste eine Weile suchen, denn die Boutique für Herren liegt versteckt hinter dem Palais Royal und in den Arcaden gab es damals ausser Didier Ludot noch keine wirklich nennenswerten Geschäfte. Ich stand mit klopfendem Herzen vor dem Laden und war im Begriff einzutreten. Der Geldbeutel, den ich gar nicht besass, war leer und meine Französischkenntnisse bestanden mehr oder weniger aus einem etwas rotzigen „bonjour“. Mir konnte also wenig passieren. Ich ging durch den Laden und bestaunte die Deko. Es war sehr beeindruckend. Es war neu und es war radikal.
Ich fühlte, dass ich hier richtig war. Ich habe mich wohl gefühlt und so fing ich an, mir die Kollektion näher zu besehen. Alles hätte ich gerne gehabt aber am allerbesten gefiel mir ein dunkelblauer Wollmantel, der wie zufällig auf einem Billiardtisch zwischen zwei Pullovertürmen abgelegt war. Seit jeher liebe ich schwere Wollstoffe, bevorzugt in grau oder eben in dunkelblau.

Einige Wochen vorher hatte ich meine Winterjacke auf eBay verkauft, um die Miete begleichen zu können. Seitdem trug ich einen dicken weissen Zopfpulli, den mir ein Freund geschenkt hatte, weil er in dessen Kneipe liegengeblieben war und sich niemand gefunden hatte, der ihn vermisste. Dazu trug ich einen starkfarbigen „Fanschal“, der Teil eines Kunstwerks war und den mir der Künstler Heiner Blum geschenkt hatte. Im Rückblick muss ich sagen, es war nicht mein schlechtestes Outfit, aber der Mantel wäre dennoch der Schlüssel zu meinem Glück gewesen. Obwohl er jenseits meiner Möglichkeiten lag, wollte ich ihn anprobieren und nahm ihn vom Tisch. Noch heute erinnere ich mich an die schöne Schwere des Mantels und an den angenehmen Griff der Wolle. Ich zog ihn an. Wie ein Bademantel wurde er mit einem losen Gürtel geschlossen. Schlank durch meine täglichen und langen Märsche durch die Stadt füllte ich den Mantel perfekt aus und sah mich am Ziel meiner Träume, als ich zum Spiegel ging. Mein Spiegelbild enttäuschte mich nicht.

Wie ich mich so zufrieden und ganz eins mit mir selbst besah, tauchte im Hintergrund eine Gestalt auf, die etwas zu mir sagte. Es war der Verkäufer, wie immer bei Margiela in einem weissen Laborkittel, und er war sehr nervös. Er gestikulierte wild und wiederholte ständig etwas, das ich nicht verstand. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und dachte, er wäre neidisch, weil mir der Mantel so gut stand. Ich ging davon aus, dass sich die Situation bald beruhigen würde. Ich lag falsch, er wurde immer nervöser und sein Gesicht verfärbte sich von winterlichem „Pariser“ grau (ich hatte festgestellt, dass im Winter viele eine graue Gesichtsfarbe hatten) über rot ins fast schon bläuliche. Um die Sache noch schlimmer zu machen, versuchte er, mir den Mantel auszuziehen und zerrte an mir herum. Diese Art der Nähe wurde mir zuviel. Ich zog den Gürtel enger zusammen und ging energisch zu einem anderen Spiegel in der Nähe der Kabinen. Er rannte mir hinterher, stürzte fast. Er hing an mir und dem Mantel. Schweiss stand auf seiner Stirn und er stammelte noch immer etwas, das ich kaum verstand. Das Wort „manteau“ verstand ich, das andere wort war „gliioh“. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Die Boutique ist recht übersichtlich und ausser uns beiden war niemand im Laden. So dachte ich. Denn plötzlich öffnete sich der Vorhang einer Kabine und vor mir stand Michael Stipe. Etwas irritiert schaute er auf die bizzare Situation, die sich ihm bot: Mit mir und dem Verkäufer, der nun halb ohnmächtig vor mir lag und den Saum des Mantels so fest umklammerte, als ginge es um sein Leben.

Ein breites Grinsen zeigte sich auf dem Gesicht von Monsieur Stipe und zeitgleich formte sich in meinem Kopf der mir vorher unbekannte Begriff „gliioh“ zu „client“. Ich begriff jetzt recht zügig, was die Aussage des mantraartigen Satzes war, den der Verkäufer ständig wiederholte und erkannte wessen Mantel ich gerade anhatte.
Es galt nun, die Situation erstens zu entschärfen und zweitens mit etwas Würde daraus hervorzugehen. So half ich zuerst dem völlig entkräfteten Verkäufer wieder auf die Beine, schaute mich noch einmal im Spiegel an, zog den Mantel aus, übergab ihn dem Verkäufer, schaute Monsieur Stipe lächelnd an und sagte in meinem, ebenfalls nicht besonders guten Englisch „It’s really a nice coat, thank you.“ Dann drehte ich mich um und verliess die Boutique.

Für mich war es ein beeindruckender (Fashion)Nachmittag in Paris und so nebenbei lernte ich auch noch meinen ersten Satz auf französisch: „C’est le manteau d’un client“.

Dieser Gastbeitrag stammt von Marco Fiedler, einem guten Freund und Leser – dem wir ganz herzlich danken!
Wir suchen übrigens noch weiterhin nach Gastautoren. Wenn auch Du mal Lust hast, einen Artikel auf Horstson zu veröffentlichen (mögliche Themenfelder: Mode, Politik, Kultur, Gesellschaft, Musik, Reise, Blog etc.), melde Dich einfach: horst@horstson.de

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  • Vk
    10. August 2016 at 09:49

    Wunderbar erzaehlt

  • Siegmar
    10. August 2016 at 10:20

    was für eine schöne Geschichte, Michael Stipe hat es sicherlich amüsiert.

  • Martina
    10. August 2016 at 11:19

    Schöne Geschichte, sehr pointiert erzählt.
    Danke für den schönen Start in den Tag, den der Autor mir bereitet hat.

  • PeterKempe
    10. August 2016 at 11:21

    Ich liebe diese Geschichte, weil sie auch Paris so wunderbar wiedergibt und wie unendlich gut man sich dort fühlt! Danke Marco, die Geschichte ist wunderbar!

  • Sybille
    10. August 2016 at 16:13

    Eine wunderbare Geschichte. Und so schön illustriert. Ich habe mich sehr amüsiert.

  • blomquist
    10. August 2016 at 21:51

    Großartig!

  • Stephanberlin
    13. August 2016 at 20:36

    Mich hätte natürlich interessiert, von welcher Firma der Mantel war… und ob es auch ein Teil von Martin Margiela war.