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Buchtipp: Peter Lindbergh. A different Vision on Fashion Photography

(Peter Lindbergh, London, Mai 2016; © Stefan Rappo)

Mein Kollege Julian begegnete kürzlich Peter Lindbergh bei der Eröffnung der Retrospektive in der Kunsthal Rotterdam und lieferte einen lesenswerten Bericht ab. Seine Begegnungen mit Peter Lindbergh und Tatjana Patitz war für ihn tiefes Eintauchen in die Modegeschichte und in die Fotografie.
Das bewog mich, mehr als doppelt so alt und radikal elektrisiert von der Revolution, die Lindbergh auslöste, einen genauen Blick auf den Menschen Peter Lindbergh und in das neue, im Taschen Verlag erschienene Buch „Peter Lindbergh. A different Vision on Fashion Photography“ zu werfen. Die Revolution, die der Fotograf damals startete, beeinflusst uns bis heute und hat die Sehgewohnheiten ganzer Generationen verändert.
Peter Lindbergh hat nicht nur fotografiert und die Ära der Supermodels dominiert. Er hat auch dazu beigetragen, dass sich die Mode der Neunziger Jahre dem Purismus zugewandt hat. Der neuen Klarheit gab er das fotografische Ausdrucksmittel. „Peter Lindbergh. A different Vision on Fashion Photography“ bietet die ideale Spielwiese, um den sympathischen und bodenständigen Peter Lindbergh, der immer wie ein großer Junge wirkt, zu verstehen.
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Peter Lindbergh. A different Vision on Fashion Photography; © Taschen Verlag

Fast am Ende des Zweiten Weltkrieges, 1944, in Leszno, heute ein Teil Polens, geboren, flüchteten Lindberghs Eltern mit ihm ins zerstörte Duisburg. Das Ruhrgebiet prägte ihn sehr – seine verbindliche und warmherzige Art ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass man in der Region offen und fröhlich ist. Eine Art, die ihn bis heute nahbar, sympathisch und zu einem großartigen Menschen macht.
Peter Brodbeck, so sein eigentlicher Name (zu ‚Lindbergh‘ wechselte er erst später, da die Amerikaner Probleme mit der Aussprache seines Namens hatten) machte nach der Schule erst einmal eine Lehre als Schaufenstergestalter bei Karstadt und Horten in Essen. Bei den Kaufhausketten entdeckte er seine künstlerischen Interessen und sein Ziel wurde es, Maler zu werden.
Mit 18 Jahren zog Lindbergh dann in die Schweiz nach Luzern und nach einem knappen Jahr bekam er einen Job in Berlin. Nebenbei belegte er Abendkurse an der Kunstakademie. Sein Wunsch zu malen ließ ihn nicht los und so, für damalige Zeiten eher riskant, beschloss er, per Anhalter in die Wirkungsstadt seines großen Vorbildes Vincent van Gogh, ins südfranzösische Arles zu gehen. Das Licht van Goghs hielt ihn mehrere Monate dort, danach fuhr er für zwei Jahre durch Spanien und Marokko. Nach Deutschland zurückgekehrt, studierte er in Krefeld freie Malerei und machte erste Ausstellungen in der Galerie von Hans Mayer in Düsseldorf.
1971 kam dann der Bruch mit der Malerei und die Hinwendung zur Fotografie. Der Düsseldorfer Fotograf Hans Lux lässt ihn bei sich assistieren und Lindberghs wahre Profession nimmt seinen Gang. 1978 wagte er dann schließlich den entscheidenden Schritt nach Paris. Schon damals überzeugt er die italienische VOGUE mit meist in schwarz-weiß gehaltenen Aufnahmen, die sich stilistisch die großen Filme von Fritz Lang oder Friedrich Wilhelm Murnau, der Ästhetik der Berliner Künstler der Zwanziger Jahre, als Inspiration bedienen. Bald kommt die englische und französische, dann auch die in Deutschland frisch gegründete VOGUE dazu.
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Peter Lindbergh. A different Vision on Fashion Photography; © Taschen Verlag

Als Anna Wintour 1988 zur amerikanischen VOGUE wechselt, um das Magazin zu verjüngen, schießt Lindbergh das erste Titelcover. Er setzt das deutliche Zeichen, dass sich die amerikanische VOGUE neu erfindet. Die Legende beginnt, als er Ende 1989 fünf junge Models auf den Straßen New Yorks ablichtet, die damals für eine neue Klarheit stehen. Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Cindy Crawford und Christy Turlington läuteten ein neues Frauenbild ein. Das Januar-Cover der VOGUE wurde Kult, der Schönheitsbegriff von Weiblichkeit revolutioniert. Ein neues Modezeitalter begann mit der Ära der Supermodels, zu denen sich hier zu noch Nadja Auermann und Claudia Schiffer gesellten.
Lindberghs Spiel mit weiblichen Archetypen, seine filmische Ausdrucksweise und sein hoher stilistischer Wiedererkennungswert lassen die Nachfrage ins Gigantische wachsen und fast jedes seiner Bilder wird, bis heute, zur Ikone. Seine Bilder haben eine zeitlose Modernität und jedes ist ein Klassiker. Betrachtet man – Pardon – verschlingt man die mehr als 400 Bilder des Taschen Bandes, kommt bei fast jedem Motiv eine Assoziation.
Als Karl Lagerfeld seine Denim-, Leder- und Tweed-Bikerinnen mit Kaskaden von schwerem Metallschmuck in Paris für CHANEL über den Laufsteg schickt, macht Peter Lindbergh daraus eine Streetgang der edelsten Art in New York. Die Bilder gehören bis heute zu den berühmtesten Bildern der Modefotografie überhaupt.
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Peter Lindbergh. A different Vision on Fashion Photography; © Taschen Verlag

Seine monochromen Bilder, die zugleich roh und verführerisch wirken, sind durch einen romantischen und erzählerischen Duktus gekennzeichnet, der der Kunst- und Modewelt ganz neue Impulse gab. Kate Moss erscheint auf seinen Bildern früh und wird zum Supermodel der neuen Generation.
1992 wird Peter Lindbergh von Liz Tilberis zur amerikanischen Harper’s Bazaar geholt – angeblich für ein empfindlich hohes Honorar. Aber Lindbergh entwickelt seinen Stil immer weiter. Ob seine Kampagnenbilder am Strand von Deauville-Ufer für Jil Sander oder seine Strecken, die eine ganze Generation von jungen Fotografen prägten – alles findet man in diesem Band wieder. Zu den Fotos kommen Kommentare und Artikel von Jean Paul Gaultier, Nicole Kidman, Grace Coddington, Cindy Crawford und Anna Wintour – alles Menschen, die ihn die letzten Jahrzehnte begleiteten. Jeder, der mit Peter Lindbergh zusammengearbeitet hat, ist nicht nur von ihm als Künstler fasziniert, sondern auch von seiner Persönlichkeit und seiner warmen Art. Genau das ist auch die Mischung, die den Charme des Buches „Peter Lindbergh. A different Vision on Fashion Photography“ ausmacht. Meisterwerke der Fotografie, die von einem unglaublich authentischen Charakter geschaffen wurden.
Er ist zwar selbst eine Ikone geworden, doch abgehoben hat er nie. Vielleicht ist das das Geheimnis der Zeitlosigkeit seines Werkes …
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Peter Lindbergh. A different Vision on Fashion Photography; © Taschen Verlag

Wie toll, dass wir ihm bis heute unzählige Sternstunden der Mode verdanken und einen Blick, der jedes Foto tief in unser Gedächtnis gebrannt hat.

Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography
Peter Lindbergh, Thierry-Maxime Loriot
€ 59,99

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  • thomash
    20. September 2016 at 11:28

    super-like!

  • Elke Kempe
    20. September 2016 at 13:33

    Wer kennt sie nicht all diese tollen Fotos,super!!

  • Monsieur Didier
    16. November 2016 at 18:33

    …Lindbergh-Fotos erkennt man meistens sofort, bzw. spätestens aus den 2. Blick…
    fast alle Fotos wurden zu Ikonen…
    ich selber finde seine Fotos mittlerweile ziemlich langweilig, was auch daran liegen mag, dass sich unendlich viele Fotografen von ihm „inspirieren“ liessen und lassen…

    …ihn selber finde ich unglaublich charmant und freundlich, also eher die Ausnahme in dieser Branche…

  • Peter Lindbergh in Berlin | Horstson
    21. November 2016 at 13:05

    […] Photography“ signieren – ihr erinnert Euch: Peter hat es vor einigen Wochen schon vorgestellt. Der Tag ist auch insofern gut gewählt, als dass die meisten unter uns sicher nicht am Samstag […]