Seit gestern widmet sich Arte die ganze Woche dem schönen Thema Mode, zeitgleich zu den bereits seit Tagen tobenden Defilees in Mailand und dem Beginn des Prêt-à-Porter Kleidermarktes in Paris.
Modesendungen, normalerweise auf öffentlich rechtlichen Sendern eine Fehlanzeige und seit den frühen neunziger Jahren mit dem Ausscheiden von Antonia Hilke eine ausgestorbene Spezies.
„Neues vom Kleidermarkt“ war die Modesendung der ARD und würde von heutigen Programmchefs gar nicht mehr als Konzept gekauft werden: Zu nischig, zu intellektuell und wahrscheinlich auch nicht Unterschicht-orientiert genug.
Die Sendung war simpel gestrickt: Frau Hilke moderierte sach- und fachgerecht in schwarzer Saint Laurent Schluppen-Bluse an einem Schreibtisch in der Art einer Berufsschullehrerin und machte auch auf die Quote von Angora-Unterwäsche im Export nach Japan aufmerksam oder erklärte und Anfang der neunziger Jahre das die Videopiraterie bei den Schauen immer mehr zunimmt. Yves Saint Laurent war ihr Gott und Anne Marie Beretta und Sonia Rykiel, als Zeichen der Emanzipation, in jeder Sendung vertreten.
Sie zeichnete zwischen den stoisch abgefilmten Defilees in den Zelten im Louvre (damals fanden die schauen dort statt) Modesilhouetten der Kollektion die darauf gezeigt wurde mit kleinen Hunden an der Leine, die die passenden Outfit trugen. Von Japanerschwemme in Paris war die Rede – Kenzo Takada, Yoshi Yamamoto, Miyake und Rei Kawakubo; die Sendung, fünfundvierzig Minuten lang, endete traditionell mit einem Newcomer-Porträt von Claude Montana oder Thierry Mugler.
Das ist zwanzig Jahre her und seit dem ist die Mattscheibe schwarz was Mode betrifft. Jedenfalls seriöse Berichterstattung von hochwertiger Mode- ich meine nicht Germanys Next Topmodel oder ähnliche Formätchen, die sich an die Glamourwelt andocken wollen.
Arte hat in den letzten Jahren schon häufiger sehr sehenswerte Einzeldokumentationen gezeigt, die wir überwiegend dem genialen französischem Regisseur Loic Prigent zu verdanken haben. Am Anfang stand eine ganze Woche im Hause Chanel, wo die Entstehung der Haute Couture Winterkollektion 2004 von Anfang bis Ende verfolgt wurde und wir gelernt haben das Madame Pozieux die Bortenmacherin von Chanel erst die Heuernte vom Filmteam einholen lässt, bevor sie sich an die Galons für die Tweedkostüme macht oder das der Sticker Lesage sich einen Wolf am Hochzeitskleid stickt und das Monsieur Massaro etwa 60 mal die Absätze an den Kappenschuhen erhöht und verringert. Herr Prigent hatte dann die Sogwirkung seiner tadellosen Doku gespürt und Herr Jacobs wollte dann auch sowas – so gab es Louis Vuitton und Marc Jacobs in einer Doppel-Doku.
In dieser Woche hat man sich dann entschlossen, die Serie „vor der Schau“, die bereits im letzten Jahr lief und die Tage vor den Defilees in Paris bei Sonia Rykiel und Jean Paul Gaultier in Paris, bei Fendi in Rom (auch von Karl Lagerfeld) und bei Proenza Schouler in New York um Donatella Versace und Diane von Fürstenberg zu erweitern.
Ausserdem gibt’s Spielfilme rund um die Mode: Marie Antoinette und Belle de Jour, der eine meisterhaft inszeniert von Sophia Coppola der andere ausgestattet von Modegott Yves Saint Laurent persönlich.
Karl Lagerfelds einfühlsames Porträt „Lagerfeld Confidential“ (Bild Header) gewährt Einblicke in sein Privatleben und erzählt auch mal was von seinem Freund Jaques de Bascher und über sein berühmtes Kuschelkissen, und Anekdoten aus dem wilden Saint Germain der Sechziger.
Alle Sendungen sind auch auf DVD im Arte-Shop erhältlich und wirklich immer wieder sehenswert.
Die Doku über Yves Saint Laurent ist ein zeitgeschichtliches Dokument sondergleichen – ergreifend und voller Werte, die die Mode bestimmen und bestimmt haben.
Zitate wie „Chanel hat die Frauen befreit und Yves Saint Laurent die Mode“, Weggefährten wie Betty Catroux und Loulou de la Falaise und Mode Augure Edmonde Charles Roux bringen einem die Werte und die Unsterblichkeit von Saint Laurents Lebenswerk auf eindrucksvolle Weise nahe.
Der Film ist wie ein Schlüssel zu Saint Laurents Meisterwerken und bringt uns auf erschütternde und wunderbare Art die Kreationen und die Welt seiner Kollektionen und Farben nahe. Die russische Kollektion in seiner Opulenz genau so wie seine revolutionären Ansätze von Prêt-à-Porter und Rive-Gauche-Chic der sechziger Jahre – wer es gestern verpasst hat, hier nochmal der komplette Stream der Sendung:
Ein Sender wagt sich eine ganze Woche unter das doch „ach so unbedeutende Thema Mode“ zu stellen ohne Quoten-Druck, ohne einstellen auf die Masse und ohne Barriere, dass es sich nicht jeder leisten kann. Bravo Arte!
Ich freu mich auf jede einzelne Minute dieser Woche.




